Brückentag - Ein Donnerstag zum durchhängen
- aleber20
- 9. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
(Nochmal eine kurze Info, da ich nun öfters gefragt wurde: Ihr könnt gerne eure E-Mailadresse unten auf der Seite eintragen, dann bekommt ihr eine Benachrichtigung, wenn wir [Anm. Maire: Also Alex] einen neuen Eintrag veröffentlichen.) Maire zeigte mir vor etwa zwölf Tagen eine Werbeanzeige mit einer langen Hängebrücke (Anm. Maire: ein Fehler), um die ein ganzer Park gebaut wurde. Ich war sofort dabei. 70 Dollar Eintritt? Egal. Hängebrücken üben auf mich ungefähr die gleiche Anziehungskraft aus, wie sie auf Maire abstoßend wirken.
Als wir dann in der Nähe waren und Maire sich die Natur rund um die hängende Brücke nochmal in Ruhe anschaute, entschied sie sich, ihre Abneigung zu überwinden – und es der Schwerkraft gleichzutun: der Brücke ein Stück näher zu kommen und sie zuzulassen.
Schon beim Eintrittspreis von 75 $ fällt auf, wie stark diese Brücke und der dazugehörige Wald touristisch kommerzialisiert wurden.

Brückenhistorie und Kapitalismus
(Anm. Maire: Achtung ab hier mutiert Alex kurz zu Wikipedia) Wenn man den Capilano Suspension Bridge Park einmal nüchtern betrachtet, bleiben ein paar ziemlich klare Punkte übrig: Die Brücke hängt rund 70 Meter über der Schlucht und ist etwa 137 Meter lang – aus der Höhe bin ich auch schon mal gesprungen, allerdings mit einem Seil um die Beine. Und die Brücke ist Teil einer erstaunlich langen Kommerz-Tradition: Die frühe Brücke geht auf 1889 zurück, ursprünglich mit Hanfseilen und Zedernplanken. Später kamen Drahtseile, und die Stahlkabel-Variante wurde 1903/04 gebaut.
Spätestens ab 1914 lief das Ganze als kommerzieller Betrieb. Damals, 1914, wurde eine Gebühr von 10 Cent dokumentiert, damit man die Brücke passieren durfte. Inflationsbereinigt entspräche das heute ungefähr 2,70 $. Dabei ist es aber nicht geblieben – oh Wunder. Heute zahlen wir 75 $. Rein rechnerisch ist das das 27,8-Fache, also ein Aufschlag von rund 2.678 % gegenüber diesen inflationsbereinigten 2,70 $. Irre. Klar: Damals war es „nur“ die Option, den Canyon zu überqueren und den dahinterliegenden dichten Wald zu betreten. Heute ist es ein kompletter Park mit Wegen, Attraktionen, Personal, Sicherheitskonzept, Infrastruktur und allem Drum und Dran. Aber trotzdem möchte ich mich an dieser Stelle einmal gepflegt empören.

Und dann kommt die Ebene, die es komplizierter macht als „teuer, aber spaßig“: Der Name „Capilano“ geht auf das Sḵwx̱wú7mesh-Erbamt Kiapila’noq zurück, sinngemäß die „Menschen von Kiap“, also dem damaligen Landstrich. Der Park hebt diese indigene Ebene immer wieder hervor – dass er auf indigenem Land liegt und dass die Brücke auf lokalen Überquerungs- und Wegelogiken fußt. Gleichzeitig steht in der Park-Chronik, dass schon 1935 Totempfähle als Besuchermagnet in den Park kamen, als der damalige Besitzer lokale First Nations einlud, ihre Pfähle dort aufzustellen. Sprich: „Indigenous“ als Kulisse ist historisch Teil des touristischen Konzepts gewesen, nicht erst ein modernes Aushängeschild. Genau an dieser Schnittstelle sitzt ein Teil der indigenen Kritik, die man online immer wieder findet: Wenn indigene Motive im Tourismus vor allem als Deko, Selfie-Background und Souvenir funktionieren, dann ist „Wertschätzung“ schnell eher Verkaufsargument als Kontrolle über Darstellung, Rechte und Erlöse. Der Park reiht sich damit ziemlich sauber in Kapitalismus 1:1 ein: adaptieren, integrieren, verkaufen – bis zu dem Punkt, an dem die Gewinnmaximierung einsetzt. Nicht mehr und nicht weniger.
Unfälle gab es auch: 1999 stürzte ein Kleinkind (Anm. Maire: es überlebte tatsächlich), 2010 starb ein Teenager nach einem Sturz von einer (abgesperrten) Plattform, und 2012 kam ein Besucher nach einem Sturz (unter anderem nach Überklettern von Sicherungen) ums Leben. Jedes Mal wurden Sicherheitsbestimmungen überprüft, und der Park bestand diese Prüfungen. Trotz der Tragik denke ich: Wenn man bedenkt, dass dort täglich Tausende Menschen über eine Hängebrücke laufen, ist das statistisch eine sehr gute Quote. Hut ab.
Gefühl und Wahrnehmung

Wenn man die ganzen Punkte, die ich oben aufgezählt habe, mal ausenvor lässt und sich nur der Touristischen Attraktion hingibt, macht der Park was er soll: Er unterhält mit Natur, Schönheit und Adrenalin. Man steht schon vor den parralel gespannten Drahtseilen, schaut in den Canyon und auf die andere Seite und denkt sich: "Das soll mich jetzt halten? Vertrau ich dem". Aber als eingeübter Deutscher dachte ich mir: "Ich habe dafür bezahlt" Also rauf. Spoiler: habe überlebt (Anm. Maire: Ich auch so gerade), es hat gehalten. Es war auch garnicht mal ein starkes Hängebrücken gefühl, da die Brücke igeneurstechnisch sehr gut konstruiert wurde. Sie wackelt sehr wenig, mann konnte nicht durchschauen nach unten, was den Höhenangstfaktor deutlich reduziert und die Aussicht in der Horizontalen längt ab.

Man könnte denken, was ist an einer Hängebrücke denn so besonders. Besonders ist tatsächlich die Perspektive in der Mitte eines Canyon über einem reissenden Fluss zu stehen. Eine Erfahrung die man evtl. mit einer Drohne bekommt, aber mit Körper zusammen, belibt eigentlich nicht viele optionen
außer Brücke. Evtl. noch Wingsuit, aber den hat Maire mir verboten. Es war wirklich eine hervoragende Aussicht, die Felsen zu beiden Richtungen am Rande zu sehen, darüber und darunter Vegetation und unten viel rauschendes Wasser. Dazu noch ein sonniger Tag, eine seltenheit hier in Vancouver im Winter!
Weiterer Park und Liebenslichter
Wenn man einmal über die Brücke gedackelt ist, kann man durch Teile des dichten Waldes weitergehen und über Stege an der Klippe entlanglaufen. Man sieht die Brücke von weiter weg nochmal aus einer anderen Perspektive und kann sie erneut bestätigen: Ja, das Ding hängt da wirklich einfach so.

Aktuell läuft dort außerdem die Aktion „Love Lights“. Der gesamte Park – vor allem der Teil auf der anderen Seite des Canyons – wurde in Millionen kleine Lichter gehüllt. In unserer Wahrnehmung schwankt das zwischen schön und maßlos kitschig. Wenn Bäume, die 500 Jahre alt sind, in blinke

ndes Blau und Violett getaucht werden, dann wäre uns die dunkle, nackte Natur ehrlich gesagt lieber. Aber: Es scheint zu wirken. Die Besucherzahlen sind gefühlt zum Einbruch der Dunkelheit nochmal hochgeschossen, vor allem bei Pärchen.
Wir zählen uns mal nicht dazu. Wir waren am Tag da – und kritisieren das hier. So nämlich.
Was allerdings wirklich beeindruckend war: Baumhäuser mit Brücken dazwischen, die ohne Schrauben, Bolzen oder Nägel an den Bäumen befestigt wurden. Dafür wurde ein Gurtkonzept entwickelt, sodass die Konstruktionen stabil hängen, ohne die alten Bäume zu beschädigen. Das finde ich tatsächlich ziemlich genial. Zweiter Hut aufgesetzt, wieder Hut ab.


Den Abschluss bildete dann – auf der anderen Seite, also nach dem Rückweg über die Brücke und am Geschenkeshop vorbeigemogelt – der „Cliffwalk“: Eine Treppe führt hinunter zu einem Steg, der parallel zur Felswand verläuft und teilweise durchsichtige Böden hat. Für den Kick. Ein architektonisches Bonbon war auch der kurvige Steg selbst, der mit Stahlseilen an der Klippe befestigt ist. Wieder neue Aussichten – und auch ein Blick hinter die Kulissen der Instandhaltung: Wir konnten sehen, wie Arbeiter Material an der Felswand entlang transportierten, mit einem Wagen, dessen Rollen senkrecht statt waagerecht angeordnet waren.

Maire meinte später, dass der Cliffwalk schlimmer war als die Hängebrücke. Also hier nochmal Applaus, dass sie beides geschafft hat. Sie hat dafür sogar ein Überlebenszertifikat bekommen. Zu Recht!

Capilano Naturpark
Als wir fertig waren, kamen wir auf die Idee, die Zeit noch zu nutzen und in den nahegelegenen Capilano Park zu gehen. Das war wirklich ein Glücksgriff. Es war nicht einfa
ch „ein Park“ – es war ein dichter, moosbewachsener Wald am Canyon, stellenweise bis runter ans Wasser entlang.

Mal wirkte es wie ein Feenwald, dann wieder wie der Verbotene Wald aus Harry Potter. In der Luft hing dieser sehr moosige Geruch, gemischt mit Nadelholz, dazu die ständige Gischt und diese frische Kälte, die einem den Kopf sauber macht.


An einer Stelle gingen wir einen steilen Pfad hinunter und wurden mit einem mystischen Augenblick belohnt. Auf genau s
olche Momente haben wir gehofft. Das Wasser war klar, der Nebel… ach, schaut euch das Bild einfach selbst an. Ich glaube, eine Beschreibung wäre hier eher störend als hilfreich.

Alles in allem war es ein schöner Tag mit tollen Erlebnissen. Klar bleibt der Nachgeschmack, dass man in einer Touristenfalle gelandet ist – aber trotzdem sind Natur und Adrenalin hängen geblieben. Capilano Park: 5/7 Erlebnis. Wer das Meme noch kennt. Vielleicht bin ich auch alt und zu lange im Internet unterwegs.



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