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Helfen beim Hausverkauf: Schritt für Schritt durch Powerwashing, Openhouse und Nerven

  • Autorenbild: Alex
    Alex
  • 13. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Da Maire und ich uns zu schade waren, alle zwei Wochen ca. 600 $ für eine Unterkunft auszugeben, haben wir uns nach Alternativen umgeschaut. Auf Workaway sind wir dann fündig geworden: Ein nettes Paar lässt uns für ca. zwei Stunden Arbeit am Tag bei sich wohnen. Und es kam sogar noch besser als erwartet. Die beiden sind gerade dabei, ihr Haus zu verkaufen und bringen es auf Vordermann. Der Deal: Wir helfen zwei Wochen lang –mehr als fünf Stunden am Tag, das Haus verkaufsfertig zu bekommen, und danach dürfen wir kostenlos mitwohnen, solange sie selbst noch dort wohnen. Genial. Aber wie läuft so ein Hausverkauf in Kanada eigentlich ab? Worauf wird geachtet und was ist das bitte für ein spezielles Haus, das da verkauft wird?


Wie kommt man an so eine Stelle?


Es gibt in Kanada, in Deutschland – im Prinzip weltweit – Websites und Organisationen, die Arbeit gegen Unterkunft und/oder Verpflegung anbieten. Wir haben unser Angebot über Workaway gefunden. Dafür mussten wir uns erst mal mit 80 CAD anmelden. Das hat sich dann aber schnell rentiert, weil wir damit die Mietkosten streichen konnten. Meist schwankt die Arbeitszeit zwischen 2 und 5 Stunden, fünf Tage die Woche, je nachdem, ob Mahlzeiten dabei sind oder nicht. Oft wollen die Leute Hilfe im Haushalt oder im Garten. Viele nutzen das Angebot auch, um sich eine kostenlose Au-pair-Kraft zu organisieren. Finde ich aus Jugendamtssicht… schwierig. Du hast keine Ahnung, wen du da auf deine Kinder loslässt, und eine richtige Absicherung ist das auch nicht. Aber gut: kostenlos, also nimmt man’s halt mit.


Bei uns ging es zum Glück nicht um Kinder, sondern „nur“ um zwei Katzen, eine Hündin (Anm. Maire: sooooo tolle Tiere) und ein Haus, das verkauft werden soll.


Hier chillt Roke auf unserem Balkon und will wohl ins warme Haus
Hier chillt Roke auf unserem Balkon und will wohl ins warme Haus

Minu die Hündin springt auch gerne auf alles, was sie sieht.
Minu die Hündin springt auch gerne auf alles, was sie sieht.

Ishk, was kleine Flamme bedeutet, besucht uns am meisten.
Ishk, was kleine Flamme bedeutet, besucht uns am meisten.

Das Haus, in dem wir untergekommen sind, gehört einem netten Paar – ungefähr 40 Jahre alt. Sehr sympathisch, offen links eingestellt (was hier nicht überall so offen gelebt wird). Und die Eigentümerin arbeitet sogar an der Uni, lehrt dort ihre eigene indigene Sprache und setzt sich dafür ein, dass indigene Sprache erhalten bleibt und wieder angewendet wird. Wir bekommen also regelmäßig Einblicke in eine Kultur und Lebensweise, die uns bisher ziemlich unbekannt war. Wirklich top.


Das Haus


Wie eben schon erwähnt, kam der Eigentümer am ersten Tag auf uns zu und fragte, ob wir bereit wären, etwas mehr als zwei Stunden am Tag zu arbeiten. Hintergrund: Sie wollen das Haus verkaufen, und in zwei Wochen soll der Verkaufsprozess starten. Sie haben schon eine Maklerin beauftragt – inklusive einer ganzen Liste an Veränderungen, die „noch schnell“ gemacht werden sollen. Nach den zwei Wochen könnten wir dann einfach weiter dort bleiben, bis das Haus verkauft ist. Danach dauert der Auszug wohl noch 1,5 bis 2 Monate, und dann sind wir wahrscheinlich eh schon wieder weg. Das passte uns also super in den Kram – und ist an Nettigkeit wirklich schwer zu überbieten.

Wir haben ein Dach, ein Bett, eine Küche, warmes Wasser, einen Kühlschrank und die Möglichkeit, Wäsche zu waschen. Und das nach zwei Wochen Arbeit kostenlos. Also wer da nicht zusagt, ich weiß auch nicht.


Und jetzt kommt der Teil, der das Ganze noch besser macht: Das Haus ist… besonders. Es ist ein Stahlhaus mit zwei weiteren, voll ausgestatteten Wohnungen neben dem Haupthaus. Eine Wohnung – die, in der wir sind – heißt „Treehouse“, weil sie auf einer riesigen Stahlsäule gebaut wurde.


Hier sind wir grade in unserem kleinen Treehouse und haben Besuch bekommen.
Hier sind wir grade in unserem kleinen Treehouse und haben Besuch bekommen.

Fragt mich nicht warum. (Anm. Maire: Es wackelt bei jeder Kleinigkeit, sodass wir gar nicht bemerkt haben, dass es hier ein leichtes Erdbeben gab.) Die andere Wohnung ist der „Bunker“. Warum? Naja – weil sie unterirdisch ist. Auch hier: fragt mich nicht warum. (Anm. Maire: Generell sollte man nichts an dem Haus hinterfragen. Der Erbauer scheint etwas speziell gewesen zu sein.)


Rechts ist der Eingang zum Bunker und durch den grünen Kasten bekommt der Bunker auch etwas Licht.
Rechts ist der Eingang zum Bunker und durch den grünen Kasten bekommt der Bunker auch etwas Licht.

Das Haupthaus ist relativ schmal, dafür aber lang und dreistöckig inklusive Erdgeschoss. Jedes Geschoss hat einen eigenen Nutzen: Schlafzimmer mit PC oben, Wohnzimmer mit Bad in der Mitte, Küche mit Waschmaschinenraum unten. Teilweise sogar mit Stahlboden, der an die Laderampe eines LKWs erinnert.


Hier sieht man nochmal, wie schmal das Haus ist. Rechts, unter der Metalkonstruktion, ist unser Treehouse, umgeben von einem Bambuswald.
Hier sieht man nochmal, wie schmal das Haus ist. Rechts, unter der Metalkonstruktion, ist unser Treehouse, umgeben von einem Bambuswald.

Das Haus wurde wohl vom Vorbesitzer selbst gebaut. Der war farbenblind und hatte eine Vorliebe für Stahl und Pragmatismus. Das erklärt auch, warum viele Oberflächen eine deutliche Textur haben – wie eben der Boden: Für farbenblinde Menschen ist das vermutlich angenehmer wahrzunehmen, weil die Differenzierung über Struktur und nicht über Farbe läuft.


Arbeit und Fortschritt


Aber was macht man eigentlich, wenn man ein Haus verkaufen will? Meiner Großmutter würde da sofort einiges einfallen. Anderen eher weniger. Hier war es vor allem: sehr viel reinigen, aufräumen, reparieren – und Dinge so richten, dass sie halbwegs gut aussehen, auch wenn sie wahrscheinlich nicht ewig halten werden (Anm. Maire: ich habe z. B. den Briefkasten neu angemalt, mit billiger Acryfarbe, die nicht für draußen gedacht ist, aber dsa war eben gerade da und muss ja auch nicht lange gut aussehen).


Die Herausforderung bei diesem Haus ist, dass der Vorbesitzer es selbst gebaut hat – und zwar ohne Vorschriften. Der Bunker ist zum Beispiel ohne Genehmigung. Die Elektrik im „Treehouse“, wo wir wohnen, ist halb illegal, weil sie teilweise über das Haupthaus gespeist wird. Viele Schränke haben unterschiedlich große Türen. Kurz gesagt: Es macht es schwierig zu verkaufen. Also haben wir an jeder Ecke versucht, zu verstecken oder aufzuhübschen, wo es nur geht (Anm. Maire: mein Highlight am Treehouse ist unser Lichtschalter fürs Bad, der läuft über einen Timer und ist außerhalb de Bads angebrach. Man muss also bevor man ins Bad geht schon ungefähr wissen wie lange man braucht, sonst steht man wie ich heute morgen im Dunklen unter der Dusche).


In der Küche haben wir neue Schubladenhenkel angebracht – nicht mit Schrauben, weil die nicht gepasst hätten, sondern mit Schaschlikspießen und Holzleim. Ist jetzt sechs Wochen her, hält noch. Mehr Kommentare dazu gibt es nicht. Wir haben vor dem Haus Blumenerde aus einem verrotteten Holzhochbeet in ein Stahlhochbeet umgeschaufelt. Der Besitzer hatte keine Schaufel – warum auch, wenn man drei Hochbeete besitzt –, nur eine kleine Pflanzschaufel. Damit haben wir dann 120 Liter Erde erst auf eine Plane, dann von der Plane ins neue Beet bewegt. Jetzt sieht es tatsächlich sehr gut aus. Wie nicht anders zu erwarten, wenn Maire und ich das anpacken (Anm. Maire: diese Aktion hat mir aber meine bisher krassesten Rückenschmerzen beschert. Ehrlich ich konnte mich eine Woche nicht normal bewegen, dann ist mir erst eingefallen, dass ich ja vielleicht auch einfach ne Schmerztablette nehmen könnte um Schonhaltung und andere damit einhergehende Schmerzen zu verhindern).



Was mich vor allem bei der Stange gehalten hat, war das Powerwashing – auf gut Deutsch: Kärchern. Der ganze Eingangsbereich des Grundstücks besteht aus Betonplatten, als Boden und auch als Seitenflächen. Und alle waren komplett mit Moos zugewachsen. Ich habe 1,5 Wochen gefühlt nichts anderes gemacht, als vormittags Moos wegzukärchern, kurz was zu essen und dann nachmittags weiterzuarbeiten – teilweise bis 12/1 Uhr nachts (Anm. Maire: also nachts kein Kärchern mehr sondern im Cafe). Aber beim Kärchern sieht man wenigstens sofort Fortschritt. Terrasse, Gehweg, Wände, Glasdächer, Treppen und Balkon: alles einmal sauber gewasserdruckt (Anm. Maire: den einen kleinen Holzweg hat das fast zerlegt).


Hier ein kleiner teil des Powerwashings. Vorher waren Wände und Boden voll mit Moos.
Hier ein kleiner teil des Powerwashings. Vorher waren Wände und Boden voll mit Moos.

„Staging“, Open House und Verkauf


Es war sehr interessant zu sehen, wie das Haus auf Besichtigungen und Website-Fotos vorbereitet wird – nein, ich würde eher sagen: wie es verkleidet wird. Durch die Bauart und die Eigentümer ist das Haus zu einem Künstlerhaus geworden. Überall Farben, unterschiedliche Oberflächen und Größen, alles asymmetrisch und ein bisschen schief – aber Liebe und Charakter quellen aus jeder Pore.


Für mich wäre die logische Konsequenz: Verkaufe es genau so. Als Liebhaberhaus. Entweder an Kunstmenschen oder an Handwerksbegeisterte – weil andere das wahrscheinlich gar nicht wollen.

Die Maklerinnen dachten sich:


NEIN.


Stattdessen gab’s weiße Lederstühle, Plastiktisch, Weingläser, weiße Bettdecken mit Streifen (direkt aus dem örtlichen Hotel geklaut, gefühlt), und alles sollte so aussehen wie Wohnungen, die reich wirken wollen, ohne wirklich Geld zu besitzen. Jetzt stehen weiße Kunstleder-Hochstühle an einem Küchentresen, der türkis angemalt ist, und darunter Schubladenfronten aus geriffeltem Stahl. Es harmoniert wunderbar, kann ich da nur sagen.


Was sieht hier fehl am Platz aus?
Was sieht hier fehl am Platz aus?


Dieser ganze Vorgang heißt „Staging“ und bereitet das Haus und Grundstück auf das „Open House“ vor: zwei bis vier Stunden, in denen potenzielle Käufer einfach vorbeischauen können.


Beim Open House – davon gab es bisher drei – sowie bei allen anderen Besichtigungen verlassen Maire und ich nach dem Putzen unserer Wohnung immer das Haus. An sich kein Problem, und wenn man dafür kostenlos wohnen kann, ist das auch fair. Nervig wird es nur, wenn ich bis halb eins nachts arbeite, dann um acht aufstehen soll, die Wohnung putzen muss – und es sich danach nicht mehr lohnt, zurückzulaufen, weil wir wieder wegmüssen. Dann hängen wir irgendwo in der Sonne rum und schreiben zum Beispiel diesen Blog.


Der Verkauf ist bis dato nicht erfolgt. Laut Eigentümer haben Käuferperson und Verkäufer jeweils einen eigenen Makler, die dann untereinander alles regeln. Käufer und Eigentümer haben kaum direkten Kontakt. Und es hängt extrem am Makler, wie gut er arbeitet: ob er Mängel sauber aufnimmt, Unterlagen organisiert, und ob man am Ende alle Zulassungen zusammenbekommt. Der Makler der jetzigen Eigentümer hat wohl vor fünf Jahren „verschlafen“ zu prüfen, ob der „Bunker“ überhaupt zugelassen ist. Also: Augen auf beim Makler, wenn ihr in Victoria ein Haus kaufen wollt.


Die beiden sind auch skeptisch über den den ganzen Vorgang.
Die beiden sind auch skeptisch über den den ganzen Vorgang.

Witzige Situationen


Die Eigentümer sind sehr sympathisch. Auch, weil sie ein bisschen verplant sind. So hat der Eigentümer uns eines Morgens aus dem Bett geschmissen, weil er verwechselt hatte, wann eine Besichtigung stattfinden sollte. Er hatte geschrieben, sie kämen am Dienstag um 09:30. Wir haben an dem Tag alles geputzt, sauber gemacht und das Haus verlassen.


Am nächsten Tag kommt er im Pyjama bei uns rein und sagt nur: „I fucked up.“ Die Besichtigung sei heute – und die potenziellen Käufer samt Makler seien schon da. Maire meinte später, man habe in seinem Blick sehen können, dass das nicht das erste mal war wo ihm sowas passiert ist. Ich bin immer noch überrascht, wie wir die Bude in zehn Minuten hergerichtet bekommen haben: Wir haben alles in Schränke gestopft, inklusive dreckigem Geschirr, den Rest in den Van geworfen und sind in eine Bäckerei geflohen (Anm. Maire: mit sehr leckerem Brot). Witzige Geschichte. Erzähle ich gern. Muss ich nicht nochmal erleben (Anm. Maire: Alex scheint dies deutlich mehr mitgenommen zu haben als mich. Ich habe einfach nur einen Lachkrampf bekommen).


Und ja: Vor allem der Eigentümer war teilweise maßlos überfordert von den Aufgaben der Maklerinnen, die dem Haus diesen hotelhaften Look verpassen wollten (und dann auch haben). Er ist wie ein aufgeschrecktes Kaninchen durchs Haus gelaufen und konnte keine klare Strategie entwickeln, womit er überhaupt anfangen soll. Maire wurde beim Besuch der Maklerin mehr oder weniger dazu gezwungen, sich zu merken, was wie gemacht werden soll (Anm. Maire: man merkte schon sehr wer von den beiden plant und organisiert, leider war die Eigentümerin für eine Woche zu einer Konferenz weg als das Meiste gemacht werden musste).

 
 
 

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