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Jobben in Kanada: Zwischen Kulturschock, Kundenkontakt und kleinen Zwischenfällen im Alltag

  • Autorenbild: Alex
    Alex
  • 10. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Jetzt, da Maire und ich nach eineinhalb Monaten quasi Profis auf dem Gebiet des kanadischen Arbeitsmarktes sind, habe ich beschlossen, das Arbeitsleben hier mal zu beschreiben: Erfahrungen, kleine Anekdoten aus Job und Alltag – und der deutschen Gesellschaft zu erklären, dass es auch freundliche Arbeitsumgebungen gibt, sogar in der Gastronomie, und trotzdem Umsatz generiert wird. Ich weiß, einige sind baff und fallen vom Stuhl. Glaubt mir: Es geht.


Maires Arbeit

Ich habe etwas später als Alex einen Job gefunden und bin in einem Souvenirshop gelandet. Prinzipiell nicht das, was ich mir erträumt habe, aber trotzdem interessant.


Das ist Hermie! Beliebtes Fotoobjekt von Tourist:innen. Leider ist sein hier rechter Arm gebrochen.
Das ist Hermie! Beliebtes Fotoobjekt von Tourist:innen. Leider ist sein hier rechter Arm gebrochen.

Spannend ist vor allem, wie sehr hier alles von den Kreuzfahrtschiffen abhängt. Kommt eins, werden die Öffnungszeiten verlängert exakt für die Dauer, in der das Schiff im Hafen liegt. Und auch das Personal wird dann aufgestockt. Bisher waren die Tage mit Kreuzfahrtschiffen nicht viel anders als andere Tage, aber bisher lag auch höchstens eins gleichzeitig an. Im Mai sollen es gut und gerne mal drei oder vier am Tag werden. Danach vielleicht noch mehr.

Generell gibt es viele interessante Kund:innen. Ich bin nicht so gut darin, Menschen Dinge aufzuschwatzen, die sie nicht haben wollen – aber ich habe das Gefühl, manche kommen auch einfach nur vorbei, um mit jemandem zu reden. Ich habe vermutlich so viele verschiedene Familiengeschichten gehört wie als Sozialarbeiterin. Zum Glück sind die meisten nicht ganz so tiefgreifend. Wobei mir auch schon eine fremde Person viel zu viel über ihre Alkoholgeschichte erzählt hat – aber das war am Strand und nicht auf der Arbeit. Manchmal glaube ich wirklich, mir steht „Sozialarbeiterin“ auf der Stirn.


Der Eingangsbereich.
Der Eingangsbereich.

Einmal kam eine Gruppe Kinder in den Laden, und als ich sah, dass sie versuchten, ein Gummispielzeug über den Kopf eines Kindes zu ziehen, habe ich mir nur gedacht: Okay. Definitiv nicht meine Baustelle. Das war sehr entspannend. Als das Kind später gegangen ist, hatte es überall orange Reste vom Spielzeug in den Haaren.


Eine interessante Sache ist außerdem, dass wir jeden Abend eine „End-of-Day“-Email an irgendwen schicken. Ich weiß bis heute nicht genau, welche Stellung diese Personen haben. In der Mail werden erst mal Zahlen festgehalten: wie viel wurde insgesamt eingenommen, wie viel davon an welcher Kasse, wie viele US-Dollar usw. Wir haben sogar ein Tagesziel an Einnahmen, das erreicht werden soll – aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was passiert, wenn nicht.

Der zweite Teil der Email besteht aus kleinen Geschichten über unsere Kund:innen: aus welcher Region sie kommen, was sie in Victoria machen, was sie kaufen oder für wen. Ein typischer Satz wäre zum Beispiel:

„Am Nachmittag kam ein Pärchen aus Seattle vorbei. Sie waren für einen Kurztrip mit der Fähre nach Victoria gefahren und suchten ein passendes Souvenir, um sich an den Trip zu erinnern. Sie haben sich für zwei T-Shirts im Partnerlook entschieden.“

Es fühlt sich immer etwas seltsam an, solche Sachen zu schreiben – und ich glaube, es dient auch dazu zu kontrollieren, dass wir wirklich mit den Kund:innen interagieren und nicht nur rumstehen.


Generell kommen oft Menschen rein und fragen nach Dingen, die zumindest leicht verwirrend sind. Zum Beispiel: ob wir auch Sachen verkaufen, die nicht „Victoria“ draufstehen, sondern den Namen anderer bekannter Städte – die hunderte Kilometer entfernt sind. Oder: ob unsere Preise in US-Dollar sind. Sind sie natürlich nicht. Warum sollten sie auch? Aber man kann tatsächlich mit US-Dollar bezahlen. Das verstehen erstaunlich viele nicht.


Ein Blick vom Mitarbeiterinnenraum auf den Laden, ganz exklusiv hier.
Ein Blick vom Mitarbeiterinnenraum auf den Laden, ganz exklusiv hier.

Ich habe allerdings auch schnell gemerkt, dass mir die Soziale Arbeit fehlt. Deshalb habe ich entschieden, ehrenamtlich bei einer Organisation mitzuarbeiten, die wohnungslose Menschen unterstützt. Und ich war erstaunt, wie schnell und unkompliziert das ging: online ein paar Sachen ausfüllen, und innerhalb einer Woche kam eine Rückmeldung per Email. Auch die Schichtvergabe läuft total unkompliziert über Website oder App. Da kann sich Deutschland wirklich noch einiges abgucken.


Wer weiß: Je nachdem, wie lange Alex für seinen Part braucht, bekommt ihr im nächsten Absatz vielleicht sogar noch Einblicke in meine ersten Schichten. (Spaß. Alex schreibt natürlich viel mehr Einträge als ich, also ist es für mich einfacher, das hier einfach mal kurz reinzuwerfen.)



Alex’ Arbeit


Hier stolz meine Bescheinigung, dass ich in British Columbia Alkohol ausschenken darf.
Hier stolz meine Bescheinigung, dass ich in British Columbia Alkohol ausschenken darf.

Meine Arbeit besteht aus verschiedenen Bereichen, aber ich glaube, ich muss erst mal kurz erklären, was ein Brettspielcafé überhaupt ist. Wir haben über 200 Brettspiele, die man sich ausleihen und vor Ort spielen kann. Die Kunden zahlen 7,50 $ (Anm. Maire: In Kanada steht das $ eigentlich vor der Zahl, aber das ist uns zu verwirrend fürs Bloggen) als Pauschale für den Abend und können bis zur Schließungszeit bleiben. Manche musste ich tatsächlich mehrfach rauskomplimentieren.


Von vorne sieht das Cafe nicht so aus, als könnte es 150 Leute auf einmal aufnehmen.
Von vorne sieht das Cafe nicht so aus, als könnte es 150 Leute auf einmal aufnehmen.

Ein Teil des Jobs ist: Spiele empfehlen und erklären. Ich habe mich ein bisschen in den Job gemogelt, denn ich kannte gar nicht so viele Spiele. Ich war vorher mit Maire in einem anderen Brettspielcafé und habe mir gemerkt, welche Spiele dort empfohlen wurden – und habe sie 1:1 in meinem Bewerbungsgespräch als Spiele verkauft, die ich Kunden empfehlen würde. Hat geklappt. Ich habe mich danach ein bisschen schlecht gefühlt und hole seitdem sehr viele Spiele nach.

Besonders Maire bekommt das zu spüren, weil ich manchmal drei Spiele nach der Arbeit mitbringe, die wir dann am nächsten Tag vor Schichtbeginn um 17 Uhr lernen und durchspielen „müssen“. (Anm. Maire: Mein Gehirn leidet darunter, weil Alex am liebsten Strategiespiele mitbringt.)

Sobald ich mir ein gewisses Wissen angeeignet habe, macht der Teil wirklich Spaß. Besonders gut bin ich in Zweipersonenspielen geworden, weil wir halt oft zu zweit auskommen müssen.


Hier seht ihr ca. 2/3 der Spielebibliothek. Ca. 80+ Spiele sind noch links und rechts in Regalen gelagert.
Hier seht ihr ca. 2/3 der Spielebibliothek. Ca. 80+ Spiele sind noch links und rechts in Regalen gelagert.

Was mich immer noch schockiert: Wie viele Leute kommen rein, sehen 300+ Spiele und die Möglichkeit, dass wir sie erklären – und denken sich dann: „Heute Monopoly und danach Uno.“ Wie können das die meist ausgeliehenen Spiele sein? Es ist beschämend.


Die anderen drei Teile des Jobs sind Barista, Host und Küche.


  • Barista ist zu zwei Dritteln Milchshakes mixen. Vor allem das Eisportionieren ist zeitraubend, und meine Chefs dachten sich: Zehn Sorten sind zu wenig, wir bieten 26 an – plus Mischmöglichkeiten. Dazu kommen Kaffeesachen an der Siebträgermaschine. Milchschaum klappt in 9 von 10 Fällen. Muster? Tschau.

Rechts steht man dann als Barista und macht Kaffee oder man löffelt eimerweise Eis aus der Truhe daneben, dreht sich um und verquirrlt das ganze zu Milchshakes
Rechts steht man dann als Barista und macht Kaffee oder man löffelt eimerweise Eis aus der Truhe daneben, dreht sich um und verquirrlt das ganze zu Milchshakes

  • Host ist: Gäste begrüßen, abrechnen, dieselben Sätze wiederholen, Bestellungen ins System tippen. Ab und zu kauft jemand ein Spiel aus dem Shopbereich. Dann muss man wieder in den Empfehlungsmodus wechseln.

Hier links vorne sthet man als Host. Die Spiele in diesem Bereich sind alle zum Verkauf. Es kommt auch vor, dass Gäste die Spiele hier nehmen, aus der Verpackung reißen und verwundert sind, dass sie diese dann kaufen müssen.
Hier links vorne sthet man als Host. Die Spiele in diesem Bereich sind alle zum Verkauf. Es kommt auch vor, dass Gäste die Spiele hier nehmen, aus der Verpackung reißen und verwundert sind, dass sie diese dann kaufen müssen.

  • Küche ist: Sandwiches und Pizzen nach Anleitung. Kopf aus, Hände an. Schön an Tagen, an denen man nicht mit Leuten sprechen will – oder nicht duschen wollte. (Anm. Maire: sehr hygienisch.)


Hier rechts ist die kleine Küchenzeile, gefollgt von 8 Zapfhähnen für den Bierkenner.
Hier rechts ist die kleine Küchenzeile, gefollgt von 8 Zapfhähnen für den Bierkenner.

So rotiere ich ziemlich willkürlich von Tag zu Tag durch diese Rollen. Das Kollegium besteht aus Brettspiel-, Pen-&-Paper- und Videogame-Nerds. Ich passe also rein. Der Anteil queerer Personen im Team und auch unter den Gästen ist gefühlt hoch, was das Café nochmal lebhafter macht. Schön finde ich auch, wie oft auf eine konstruktive Art kommuniziert wird: „May I… / Darf ich mal…“, statt von oben durchzuregieren. Während der Schicht darf man sich kostenlos Essen machen und alles trinken (außer Alkohol). Auch den guten Kaffee. Den nehme ich.

Bei 18 $ die Stunde – Mindestlohn – habe ich erst mal geschluckt. Aber Trinkgeld wird hier anders gehandhabt: Alle zwei Wochen wird das Trinkgeld durch die Gesamtanzahl der gearbeiteten Stunden geteilt und dann mit den jeweils gearbeiteten Stunden pro Person multipliziert. So kommen, je nach Trinkgeld, oft 5 bis 7,50 $ pro Stunde dazu. Das ist schon mega. Ich bekomme dann meist zwischen 350 und 500 $ bar auf die Hand und bringe das zum Einzahlen. Mit Trinkgeld und Gehalt lässt sich tatsächlich etwas ansparen.


Witzige Erlebnisse


Hier mal ein Sammelabschnitt über kleine Situationen in und um Victoria, die in keinen eigenen Beitrag passen.



  • Auf dem Weg zur Arbeit bog ein Jeep um die Ecke, es schepperte, und kurz darauf rannte ein Mensch mit einem großen Auspuffrohr über die Straße zum nun stehenden Jeep. Der Auspuff war einfach durchgerostet und abgefallen. Man merkt: kein TÜV. Gejuckt hat’s den Besitzer auch nicht. Er hat gelacht und das Ding eingeladen.


  • An derselben Stelle ist auch mal ein Blech von einem Bus abgefallen, das wohl am Unterboden befestigt sein sollte. Hat auch niemanden gestört. Der Bus ist fröhlich weitergebrettert.


  • Ich sah, wie ein Polizeiwagen aus einer Fast-Food-Drive-In-Ausfahrt auf eine stark befahrene Straße wollte. Die Polizistin hatte irgendwann keinen Bock mehr, schaltete kurz das Blaulicht an, fuhr entspannt raus – und machte es wieder aus. Keine Ahnung, ob das legal war. Sah aber effizient aus.


  • Als ich mit dem Eigentümer vom Haus (wo wir gerade wohnen) zur Müllhalde gefahren bin, kamen wir auf dem Rückweg an einer Polizeisperre vorbei. Wir sind rechts dran vorbeigefahren und konnten sehen, wie Militärfahrzeuge ein Haus in der Vorstadt (!) umstellt hatten. Es waren offen zwei Maschinengewehre auf das Haus gerichtet. Und man lässt dich einfach dran vorbeigurken. Gewöhnungsbedürftig, diese Nordamerikaner.


  • Als ich im Van neben dem Haus saß und umparken wollte, fuhr ein schwarzer Jeep sehr langsam an mir vorbei. Der Fahrer hatte auf dem Beifahrersitz einen Laptop mit gefühlt einem ganzen Soundstudio aufgebaut und sprach gleichzeitig in ein Mikrofon, während er langsam weiterfuhr und die Gegend beobachtete. Ich habe mich kleiner gemacht und überlegt, ob das ein Verschwörungsmystiker oder ein Privatdetektiv ist. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Wahrscheinlich besser so.


  • Und noch ein letzter Schwank aus der Arbeit: Als Host tippe ich die Vornamen der Gäste ins System, damit nachher die Rechnungen getrennt werden können. Weil ich mit der Schreibweise vieler nordamerikanischer Namen nicht vertraut bin, sage ich oft, dass ich Europäer bin und ob sie netterweise buchstabieren können. Darauf sagte ein Mädchen aus einer Teenagergruppe: „Er ist Europäer, das ist so besonders!“ Worauf ein zweites Mädchen sofort und bestimmt antwortete: „Nein, ist es nicht.“ Gut, dass sie eingeschritten ist. Sonst hätte ich noch einen Höhenflug bekommen.


Hier noch ein kleiner Bonus: Eine Schar Möven formierte sich nach meiner Arbeit zum Angriff.

(Anm. Maire: Mir passiert natürlich auch viel Witziges. Vor allem, weil ich die witzige Person bin – aber das wisst ihr ja eh schon.


Außerdem erzähle ich meine Storys immer direkt abends Alex. Der weiß das sehr zu schätzen, wenn er um 12 Uhr nachts nach Hause kommt. Oder wahlweise am nächsten Tag, nachdem der Wecker geklingelt hat. Aber das sorgt auch dafür, dass ich die Geschichten dann selbst oft direkt wieder vergesse. Und Kritiker:innen würden eventuell behaupten, dass meine Geschichten nicht so spannend sind, wie ich es darstelle.)

 
 
 

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