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Victoria wacht auf: Von Regentagen, Regenbogen, Reisegruppen, Fentanyl Folds und dem ersten Frühling

  • Autorenbild: Alex
    Alex
  • 6. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Mai

Victoria ist schön im Sommer“, hat man uns immer gesagt.


Stimmt ja auch, wie man hier sehen kann. Man sieht das sehr teure Luxushotel "The Empress" und die Hafenpromenade links daneben.
Stimmt ja auch, wie man hier sehen kann. Man sieht das sehr teure Luxushotel "The Empress" und die Hafenpromenade links daneben.

Auf die Frage, was man im Winter hier machen kann, kam die Antwort: „Auf den Sommer warten.“ Wir sind nun seit dem 12. Februar in Victoria und können live mitverfolgen, wie so eine touristisch geprägte Stadt langsam aus ihrem Winterschlaf erwacht – und wie das Leben hier jetzt richtig beginnt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich die Stadt noch gar nicht richtig beschrieben und vorgestellt habe. Das hole ich hiermit pflichtbewusst nach.


Ein typisches Touristenfoto habe ich mir erlaubt.
Ein typisches Touristenfoto habe ich mir erlaubt.

Hauptstadt und Allgemeines


Für mich klingt es immer noch komisch, dass Victoria die Hauptstadt der Provinz British Columbia ist, obwohl die Stadt nicht mal auf dem Festland liegt (Anm. Maire: tatsächlich sollte Victoria sogar mal Landeshauptstadt werden, ist es dann aber doch nicht). Ich vergesse das auch ständig wieder, bis ich dann doch wieder über irgendeinen Protestmarsch stolpere, der Richtung Parlamentsgebäude zieht (Anm. Maire: das haben die dann einfach in Ottawa nachgebaut, als Victoria doch nicht Landeshauptstadt geworden ist).

Ich finde das Gebäude immer noch beeindruckend. Ebenso wie die Bemühungen des Mannes, seine Frau aus allen Winkeln in Szene zu setzen. Habe mind. 5 Minuten gewartet, um die beiden nicht im Bild zuhaben. Jetzt sind sie eben Teil des Blogs geworden.
Ich finde das Gebäude immer noch beeindruckend. Ebenso wie die Bemühungen des Mannes, seine Frau aus allen Winkeln in Szene zu setzen. Habe mind. 5 Minuten gewartet, um die beiden nicht im Bild zuhaben. Jetzt sind sie eben Teil des Blogs geworden.

In der Zeit, in der wir hier sind, waren das meist Proteste gegen Israel beziehungsweise gegen das Regime von Netanyahu.


Generell ist die Stadt traumhaft gelegen. Auf der einen Seite Küste und Strände, auf der anderen Seite Berge, die sich durch ganz Vancouver Island ziehen. Man kann also vom Meer aus die Berge sehen. Und man ist immer schnell irgendwo, wo es schön ist , egal, welche Vorlieben man hat. Außer vielleicht Wüste. Da sieht’s eher schlecht aus. Aber Wald, Regenwald, Küste, Felder, Berge, Flüsse, Meer (Anm. Maire: die Seen nicht zu vergessen): alles da, alles wie gemalt.


Von diesen Sonnenuhren sind 7 in der Stadt verteilt. Eine kleine Schnitzeljagt.
Von diesen Sonnenuhren sind 7 in der Stadt verteilt. Eine kleine Schnitzeljagt.

Auch die Müllverschmutzung ist hier teilweise quasi nicht existent. Die Leute achten sehr darauf und melden Verstöße offenbar ziemlich konsequent. Wir haben bisher genau eine Person gesehen, die ihren Kippenstummel auf den Boden geworfen hat. (Anm. Maire: Mülltrennung ist hier übrigens noch krasser als bei uns). Zigarettenrauch rieche ich generell wenig bis kaum. Vapes und Marihuana dagegen täglich – vor allem Letzteres, weil es hier seit Jahren legal ist und in unzähligen Shops verkauft wird.


Vor allem der Preis hat mich überrascht: Leute aus dem Hostel meinten, man bekomme zwei vorgerollte Joints für 10 CAD, also ungefähr 6 Euro. Danach hat es mich auch nicht mehr gewundert, dass ich den Geruch überall wahrnehme. Es ist billiger als Bier, billiger als Zigaretten – und leider teilweise auch billiger als Lebensmittel.


2SLGBTQIA+ in der Stadt


Victoria wirkt auf den ersten Blick wie eine hübsche, etwas britisch angehauchte Küstenstadt: Parlament, Hafen, Blumenampeln, Regenjacken in allen Grauabstufungen. Und dann merkt man ziemlich schnell, dass hier noch eine zweite Schicht mitschwingt: Die Stadt ist auffällig queer geprägt – nicht nur durch Regenbogenflaggen (die man tatsächlich oft sieht), sondern eher wie ein Netz, das sich durch vieles zieht: Politik, Uni, Pride, Drag-Orte, Community-Events, Regenbogen-Symbolik im Alltag. Queerness ist hier nicht nur Partythema, sondern auch Verwaltungs-, Bildungs- und Community-Thema.


Was mir dabei zuerst auffiel, war schon das Kürzel: 2SLGBTQIA+, das ich so vorher nicht kannte. In Kanada steht das 2S oft bewusst vorne, weil Two-Spirit People als Teil indigener Communities sichtbar gemacht werden sollen. Und das ist nicht einfach „indigen und queer“ als Etikett, sondern eine kulturell und spirituell spezifische Selbstbezeichnung, die nicht jede indigene queere Person automatisch nutzt.


Und dann ist da Pride. Die sichtbare Pride-Geschichte in Victoria beginnt für viele Anfang der 90er: 1991 ein Pride Picnic im Beacon Hill Park (was passt, da dort auch sehr viele stolze Pfauen wohnen) später kleine Paraden, die anfangs wohl sogar nur auf dem Gehweg liefen.




Interessant fand ich den Punkt, dass queeres Sozialleben lange stark an Bars hing und dass solche Picknicks Community außerhalb des Nachtlebens sichtbar gemacht haben. „Wir bauen uns viele kleine Räume“.


Was Victoria zusätzlich besonders macht: Queeres Leben wirkt hier nicht nur „sichtbar“, sondern teilweise richtig institutionalisiert. Die Stadt hat einen Transgender, Non-Binary and Two-Spirit Inclusion Plan – also nicht nur Flaggen im Hafenwind, sondern auch konkrete Dinge wie all-gender washrooms, all-gender change rooms, kostenlose Menstruationsprodukte und den Versuch, „affirmierende“ Räume in städtischen Strukturen zu verankern. Das ist ein anderer Ton als „wir sind tolerant“, eher: „wir bauen’s ein“.


Atmosphärisch fühlt es sich deshalb weniger nach „queeres Viertel“ an und mehr nach „queere Knotenpunkte überall“: Pride-Routen durch Downtown, Parks als Treffpunkte, Drag-Brunches und Drag-Shows, kleinere Bars und Lounges, Community-Events. Orte wie The Vicious Poodle tauchen als bekannte Anlaufstellen auf.


Hier leider geschlossen, aber wenn offen stehen die Leute bis draußen. Und der Name ist ja mal wirklich grandios.
Hier leider geschlossen, aber wenn offen stehen die Leute bis draußen. Und der Name ist ja mal wirklich grandios.

Substanzgebrauchende in Victoria


Victoria ist zweierlei: einerseits sehr idyllisch und ein Magnet für Tourismus, andererseits sind soziale Krisen im öffentlichen Raum sehr sichtbar. Besonders in Downtown, rund um die Pandora Avenue – wo unser erstes Hostel lag – ist das kaum zu übersehen. Hilfsangebote, Menschen ohne festen Wohnraum, Camps, sichtbarer Konsum, Polizei – und dazwischen Tourismus und ein McDonald’s. Alles gleichzeitig, alles auf engem Raum.


Ich habe mir, weil es mich interessierte, ein paar Zahlen angeschaut: Beim Point-in-Time Count 2025 wurden in Greater Victoria 1.749 Menschen ohne Wohnraum gezählt: 318 ungeschützt draußen, 493 in Notunterkünften und viele weitere in provisorischen Wohnformen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein – und deckt sich ehrlich gesagt eher mit dem gefühlten Erleben. Dazu kommt: Auf dem Rest der Insel gibt es vielerorts weniger Hilfsangebote, wodurch sich vieles in Victoria bündelt.


Was mir am stärksten hängen geblieben ist, ist weniger „der Konsum“ als die Körperlichkeit davon. Diese Haltungen, die fast eingefroren wirken: Oberkörper nach vorn geklappt, Kopf schlaff, ein Arm hängt, manchmal kniend oder in sich zusammensackend. Ein Zustand, der oft als nodding off beschrieben wird, umgangssprachlich teils als „fentanyl fold“. Die Substanz hält eine Person irgendwie noch „an“, während das Bewusstsein gleichzeitig in einen Dämmerzustand rutscht – und der Körper die Kontrolle verliert. Das wirkt nicht wie „komisches Verhalten“, sondern wie ein System, das gerade auf Reserve läuft.


Politisch, soweit ich das recherchieren konnte, wirkt das hier wie ein Pendel: Sicherheitsinteressen gegen Gesundheitsbemühungen, wie man es im Kern auch aus Debatten in deutschen Städten kennt, während die Krise selbst nicht verschwindet. British Columbias Entkriminalisierungs-Pilot (bis 2,5 g bestimmter Substanzen) ist am 31.01.2026 ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Damit kippt der Umgang wieder spürbar Richtung Durchsetzung, zumindest außerhalb ausgenommener Orte wie Konsum- oder Drug-Checking-Sites. Gleichzeitig existieren Hilfsstrukturen genau deswegen: weil Menschen sonst im schlimmsten Fall allein, irgendwo und zu spät sterben. Und die Stadt versucht das alles gleichzeitig zu managen.

Hier mitten an der Strandpromenade. Wirklich vorbildlich und nicht vor Tourismus versteckt.
Hier mitten an der Strandpromenade. Wirklich vorbildlich und nicht vor Tourismus versteckt.

Was mir persönlich immer wieder auffällt, ist der vergleichsweise entspannte und oft wohlwollende Umgang vieler Passanten und auch von Kolleg*innen auf der Arbeit mit der Situation. Die zwei Zwischenfälle, die ich zwischen Ordnungsamt und Substanzgebrauchenden mitbekommen habe, liefen respektvoll ab. Abstand, Zeit lassen, kein Anschreien. Viele geben ihr Pfand weiter, sogar manche Geschäfte stellen abends säckeweise Pfand raus. Supermärkte und Community-Hilfen haben teils zugängliche Lebensmittelboxen draußen. Und an vielen Stellen hängen First-Aid- und Overdose-Kits an Zäunen oder zentralen Orten.


Tourismus


Tourismus darf natürlich nicht fehlen.


Irgendwann überzeuge ich Maire noch, so ein Rundflug mit mir mitzumachen. (Anm. Maire: ich glaube nicht)
Irgendwann überzeuge ich Maire noch, so ein Rundflug mit mir mitzumachen. (Anm. Maire: ich glaube nicht)

Man merkt richtig, wie die Stadt sich mit jedem Schritt Richtung Frühling weiter „öffnet“. Lampions und Beleuchtung werden aufgehängt, Schaufenster neu sortiert, Öffnungszeiten verlängert. Live-Musik in Straßen und Pubs wird mehr, viele Läden suchen Unterstützung für den Sommer, und Aktivitäten wie Whale Watching, Rundfahrten und die ersten größeren Gruppen werden sichtbar mehr – gefühlt mit jedem Tag.


Victoria zeigt mit jedem bisschen Sonne, dass sie sich selbst sehr gern als „sonnigste Stadt Kanadas“ erzählt (Anm. Maire: nach unseren bisherigen Erfahrungen ist das aber auch kein Titel der schwer zu erlangen wäre).


Eine ganze Straße voller Kirschblütenbäume, Tulpen und Blumen vor dem Empress Hotel, überall kleine und große Pflanzen, die blühen und den ein oder anderen Kolibri anlocken.



Auch der Beacon Hill Park im Süden blüht auf – pflanzlich, aber auch tierisch: Pfauen und Enten haben sich dort versammelt, und wir haben sogar Rehe gesehen, denen es wohl etwas zu bunt wurde. Sie haben einfach die Blumen aufgefressen.


Hier war das Reh 5 Meter von einer Hauptstraße entfernt. Hat den Seelenfrieden nicht gestört.
Hier war das Reh 5 Meter von einer Hauptstraße entfernt. Hat den Seelenfrieden nicht gestört.

Gespannt bin ich persönlich auf den Sommer, weil mehrere Kreuzfahrtschiffe hier anlegen sollen – teilweise bis zu drei am Tag (Anm. Maire: ne sogar noch mehr). Dann wird die Stadt, so wie es viele erzählen, zwischen 11 Uhr morgens und 20 Uhr abends von zehntausenden Kreuzfahrtschifflern überrannt: Souvenir kaufen, ein paar Fotos machen, essen und trinken – und wieder aufs Boot. Wie sehr der Tourismusteil der Stadt darauf ausgerichtet ist, erklärt euch Maire dann vermutlich im Blogeintrag über Arbeiten in Victoria. Sie ist da als Forscherin an der Front und kann die Heuschrecken aus nächster Nähe beobachten.


Auch das Nachtleben hat sich verändert.


Ganz Victoria ist voll mit kleinen Lichtern und Laternen.
Ganz Victoria ist voll mit kleinen Lichtern und Laternen.

Ich wurde nach der Arbeit um ein Uhr nachts lange von denselben drei Gestalten im Bus und auf der Straße begleitet. Seit ungefähr zwei Wochen füllen sich Straßen und Busse plötzlich mit lauten Studierenden und feierwütigen Mittvierzigern. Überall hört man Bars und Pubs. Dass Alkohol auf offener Straße nicht erlaubt ist, stört viele erstaunlich wenig daran, sich den vergorenen Gerstensaft an der Bushaltestelle in den Mund zu kippen. Und Maire konnte sogar schon eine betrunkene Gruppe deutscher Teenager erkennen, die sich abends am Erwachen der Stadt erfreut hat (Anm. Maire: ich hab da das erste mal so getan als wäre ich nicht selber deutsch).


Freundlichkeit und Fahrrad


Von der Freundlichkeit der Kanadier habe ich ja schon berichtet. Wenn ich, der maskuline Trampel, der ich nun mal bin, jemanden anremple, entschuldigt sich diese Person tendenziell bei mir, dafür von mir angerempelt worden zu sein (Anm. Maire: Tatsächlich nicht nur Frauen die sich entschuldigen, mir sind sogar Männer mit freunlich ausgewichen, aber vielleicht sah ich da auch sehr bedrohlich aus) . Das ist hier im Habitus drin.


Der Busfahrer bedankt sich fürs Mitfahren, und die Fahrgäste bedanken sich beim Aussteigen. Autos warten aufmerksam, wenn Fußgänger über die Straße wollen. Wenn man etwas von einer anderen Person möchte, startet man oft mit „May I…“. Unter Hundebesitzern ist es häufig so, dass Hunde miteinander spielen und sich austoben können, ohne dass sofort gemeckert wird (Anm. Maire: Außer die Menschen haben wenig Ahnung von Hunden). Und auf geteilten Fahrrad-/Fußwegen wird oft „On your left“ gerufen, damit man weiß, wo die Gefahr auf zwei Rädern herkommt.


Sogar die Brücke hat einen eigenen Fahrrad und Fussgängerstreifen, die, wenn die Brücke sich für Schiffe öffnet, seperat hoch und runter gehen.
Sogar die Brücke hat einen eigenen Fahrrad und Fussgängerstreifen, die, wenn die Brücke sich für Schiffe öffnet, seperat hoch und runter gehen.

Generell hat die Stadt sich vor einigen Jahren entschieden, stark auf Fahrradfahren zu setzen. Es gibt viele gut ausgebaute Radwege, und der Galloping Goose Trail, der einmal quer über einen großen Teil der Insel geht, läuft auch durch die Stadt. Fahrradläden und Reparaturen sieht man entsprechend oft. Nicht so oft wie in Münster, aber wir vergleichen hier ja auch Zahnräder mit Ketten.

 
 
 

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