Montréal
- aleber20
- 31. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Wir waren drei Tage in Montreal – vom 26.01. bis 29.01., für alle, die gern genaue Daten haben. Es waren angenehme -11 bis -20 Grad Celsius, in denen wir unter anderem Parks erkundet haben, was stellenweise zur Schneewanderung in der Großstadt wurde. Generell gab es viel zu sehen: vor allem viele Hochhäuser (Anm. Maire: zu viele), aber auch alte, europäisch anmutende Gebäude (Anm. Maire: zu wenige). Viele Sprachen, Kinder „von der Leine“, Eichhörnchen, die Belagerung von Carcassonne und Riesenräder.
Und ein Spoiler vorweg: Wir haben unsere Sozialversicherungsnummer! Das System funktioniert. Hurra.

Allgemeines zu Montreal
Montreal ist die zweitgrößte Stadt Kanadas. Wir, die gerade aus der größten Stadt (einwohnermäßig) kamen – Toronto –, empfanden Montreal fast wie eine Befreiung. Ein Gürtel, der noch eng sitzt, aber eben doch etwas mehr Luft lässt.
Die Stadt ist trotzdem voll: Hochhäuser aller Art, Menschen aller Herkunft, Sprachen in jeder Tonlage. Eine Szene, die für mich Montreal ziemlich gut zusammenfasst, war diese: Ein Mann mittleren Alters, dem ich eine asiatische Herkunft zugeschrieben hätte, kam eilig aus Tim Hortons – einem Fast-Food-Laden, ursprünglich kanadisch, inzwischen in brasilianischem Besitz –, sprach Spanisch mit einer Kollegin und kurz darauf Französisch am Handy mit jemand anderem. Er war beladen mit Bagels und verschwand in einem Hochhaus zum Arbeiten.
Multikulti, verwoben mit Multitasking. Oder, wie mein frisch aus dem Hut gezauberter Neologismus sagt: Kultitasking (Anm. Maire: Wow).
„Bonjour hi“
Die Sprache ist ein weiteres Markenzeichen der Stadt. Amtssprache ist hier Französisch – aber fast alles ist mindestens auch auf Englisch. Die bezeichnendste Phrase für dieses Zusammenspiel ist die Begrüßung: „Bonjour hi“. Fabelhaft und kurios zugleich, dass sich gerade diese beiden Sprachen hier ihre Treue gechworen haben.
Wir sind trotzdem froh, dass wir bald wieder überwiegend Englisch sprechen – und nicht jedes Mal, wenn jemand sagt: "Vous me marchez sur le pied" (Anm. Maire: immer noch keine Ahnung was das heißt) , fragen müssen: „English, please?“

Stadtgefühl: oben Glas, unten Gänge
Montreal wechselt gefühlt im Minutenrhythmus zwischen kleinen Pubs und Restaurants – und plötzlich steht man vor Hochhäusern, Banken und diesen kalten, glänzenden Fassaden, die so tun, als wären sie neutral, aber eigentlich immer ein Statement sind. Alles ist hier stark miteinander vernetzt.
Es gibt das Untergrundnetzwerk „RÉSO“. Keine geheime Organisation – außer man redet über die Preise dort –, sondern ein Netz aus Einkaufs- und Aufenthalts-Passagen unter der Erde. Wie ein U-Bahn-Netz, nur mit deutlich mehr Läden, Food Courts und Nebenräumen (Anm. Maire: gefunden haben wir das trotzdem nicht einfach so, sonder nur mit Google. Und die Karte dort haben wir auch nicht verstanden, also vielleicht doch etwas Geheimorganisation).
Anscheinend war es auch den Kanadiern zu kalt da oben – also haben sie sich hierhin verlegt. Teilweise kommt man über Metrostationen hinein, wir sind aber auch durch Hotels und Banken rein und rausgekommen. Man muss ein paar Mal blinzeln: Eben läuft man noch einen Gang entlang, und im nächsten Moment steht man mitten in einem Bankgebäude, umgeben von Schaltern und Automaten.
Die Basilika, die digitaler war als Deutschland
Diesen Absatz hätte ich fast vergessen. Erst beim Auswählen der Fotos ist er mir wieder eingefallen – also habt ihr Glück gehabt: Eure Lesezeit verlängert sich, und euer Leben wird bereichert (Anm. Maire: Naja mal gucken).


Erst waren wir skeptisch, warum wir für die Basilique Notre-Dame de Montréal 16 $ zahlen sollten. Aber mein Reiseführer (Anm. Maire: den er tatsächlich durchgelesen hat) hat es empfohlen, also: rein da. Wie ihr an den Fotos erkennen könnt, war es wirklich eine schöne, wenn auch pompöse Kirche, die wunderbar mit dem einfallenden Licht gespielt hat. Ich will hier auch gar nicht viel kirchliches reinbringen. Interessant war für mich eher, wie stark die Kolonialgeschichte Montreals in dieser Darstellung aus „weißer“ Perspektive erzählt wurde: wie der Hügel „erschlossen“ wurde, wie das Dorf vor „indigenen Angriffen“ beschützt wurde und wie die Frauen des Dorfes den indigenen Kindern Kanadas das Lesen beibrachten.
Was eine erheblich erquicklichere Randnotiz ist: Die Kirche hier in Montreal war komplett digital. So digital, dass man sich für 3 $ – bargeldlos, per Kreditkarte – eine Gedenkkerze kaufen konnte. Eine jahrhundertealte Institution ist damit digitaler als viele Apparate des deutschen Staates.

Park Mount Royal
Der Stadtpark, etwas nördlich der Downtown von Montreal gelegen, ist wirklich groß – und hügelig, wenn nicht sogar bergig. Der Park war komplett in Schnee gehüllt und offensichtlich darauf vorbereitet: Überall zogen sich Langlaufstrecken durch die Landschaft, dazu Orte zum Rodeln und Eislaufen. Auch der kleine See im Park war komplett zugefroren, mit vielen Warnschildern wegen Einbruchgefahr. Schneespuren über die Eisfläche gab es keine – außer die eines mutigen Hasen.
Wir stapften durch den Schnee hoch zum „Chalet du Mont-Royal“ und hatten eine wunderbare Aussicht auf Montreal. Hier wurde einem die Größe der Stadt nochmal bewusst, genauso wie ihre Geschäftigkeit: Überall hat es gedampft und geleuchtet. Als wir versuchten, diese Szene auf Polaroid einzufangen, scheiterte das kläglich – weil die Filme sich bei Temperaturen unter etwa 12 Grad schlecht entwickeln. Und während wir noch damit beschäftigt waren, merkten wir vor allem eins: Es ist verdammt kalt.

Also suchte ich einen Weg zurück, der uns laut Plan in zehn Minuten zum Bus bringen sollte. Das wurde dann zur Kraxelei über Schlitterpfade, Tiefschnee und Langlaufstrecken. Es war wunderschön, durch ein Naturgebiet mitten in einer Großstadt zu laufen. Beim Runterschlittern über ehemalige Treppenstufen, die dank Schneefall zur Piste für Schuhe geworden waren, hätten wir uns beinahe langgelegt (Anm. Maire: nicht nur beinahe für mich) – was aber auch einen unverhofften Spaßfaktor hatte. Wie früher, wenn man als Kind durch den Wald gestriffen ist.
Hafen und die Belagerung von Carcassonne
Wie passen diese beiden Dinge zusammen? Ich löse es auf.
Am zweiten Tag machte ich mich alleine auf den Weg, um den Hafen zu erkunden – Maire wollte sich einen Tag zum Lesen nehmen (Anm. Maire: zwei Bücher habe ich bisher schon gelesen). Der komplette Hafen war eingefroren; für Schiffe wäre es unmöglich gewesen, hier rein- oder rauszufahren.

Generell wirkte der Hafenbereich wie der Teil der Stadt, in dem sich viele alte, „schönere“ Gebäude und Wahrzeichen sammeln: ein Denkmalturm für gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs, christliche Gebäude, viel Stein, viel Geschichte. Und mittendrin: ein modernes Riesenrad, das sehr penetrant am Hafen stand. Auch hier ist es üblich, Fahrgeschäfte mit völlig übersteuerter TÄTÄÄ-Musik zu beschallen. Es freut mich wirklich, dass es in unserer schnelllebigen, progressiven Welt noch solche Konstanten gibt, auf die man sich verlassen kann.


Jetzt zur Belagerung der französischen Burgstadt Carcassonne: Am Hafen gab es – als Teil des Science Centers – eine VR-Vorführung. Normalerweise bekommt man eine Brille auf, setzt sich irgendwo hin und schaut einen quasi 360-Grad-Film. Hier war es anders: Sie hatten eine Halle umgebaut, in der man sich mehr oder weniger frei bewegen konnte. Es war wirklich cool, durch die mittelalterliche Burg zu schlendern und den Leuten beim Alltag zuzusehen. Dazu wurde auch eine soziale Ebene sichtbar: wie die damalige Inquisition Macht demonstrierte, unliebsame Menschen der Häresie beschuldigte und wegsperren ließ, um ihre Autorität zu festigen. Irgendwas daran kommt dUrchauS bekAnnt vor.
Interessant war auch, wie die Halle technisch organisiert war. Ich konnte leider keine Fotos machen, deshalb eine kurze Beschreibung: Es war eine alte Industriehalle, bis auf ein paar Pfeiler komplett frei. Überall – Boden, Wände, Decke – klebten Marker, die an QR-Codes erinnerten, damit die Software auf der VR-Brille den Raum erkennen und die virtuelle Realität sauber anpassen konnte. Andere Personen wurden als Silhouetten markiert und wurden rot, sobald man ihnen zu nahe kam; das Gleiche galt für Wände. Trotzdem habe ich eine ältere Dame ziemlich heftig gerammt. Ich glaube aber, es geht ihr gut.
Menschen und Hostel
Menschen haben wir in Montreal auch gesehen. Ein paar Tausende bestimmt.
Da war zum Beispiel der Barkeeper im Pub „Grumpy“ – er wirkte auch entsprechend genervt – und sagte auf die Frage, was man in Montreal noch machen sollte: „It’s not much to see here, it’s just mostly food and drinks, so eat and drink as much as you can, I guess.“ (Anm. Maire: leider nicht so viel veganes also doch selber kochen, bzw. Alex durfte kochen)
Als ich zum Hafen ging, habe ich kurz überlegt, ob ich meine alten Arbeitskollegen und Kolleginnen vom Jugendamt informieren muss (Grüße gehen raus). Mir kam eine Schar Kinder entgegen, begleitet von zwei Erwachsenen – vermutlich Erzieherinnen –, und die Kinder waren tatsächlich „an der Leine“. Jedes Kind trug ein Geschirr, daran eine Leine. Ich kann mir vorstellen, wie praktisch und sicher das ist, damit drei-Jährige nicht plötzlich auf die Straße laufen. Aber einen Beigeschmack hatte das trotzdem. Zum Glück sind meine alten Kollegen und Kolleginnen hier nicht zuständig. Ein Hoch auf die deutsche Bürokratie.
Die interessantesten menschlichen Exemplare – wenn man so sagen will – haben wir natürlich im Hostel getroffen. Dort gab es auch das meiste sprachliche Durcheinander: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Chinesisch. Im Bücherschrank spiegelte sich das ebenfalls; besonders gefreut hat mich ein deutsches Sammelband-Exemplar von Friedrich Nietzsche (Anm. Maire: natürlich). Ich hatte vergessen, wie erfrischend es sein kann, so viele unterschiedliche Gesichter, Körper, Lebensweisen und Statements auf einem Haufen zu sehen. Da waren Leute im Hemd und Anzug am Laptop, voll gepiercte Menschen im Goth-Look, Punks, Touristen, gerade 18-Jährige, gerade 70-Jährige – und alles dazwischen.
Richtig zusammen kam dann alles beim Karaoke. Ich habe mich zwar rausgezogen, aber ihre Freude und Glückseligkeit konnte man bis tief in die Nacht hören.



Macht Spaß zu lesen . Ich freue mich aufs nächste Kapitel :)