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Die ersten Tage in Kanada & ein bürokratisches Déjàvu

Hier werde ich die ersten Eindrücke in Kanada – vor allem in der Stadt Toronto, wo wir eine Woche bleiben – festhalten. Besonders überrascht und am Ende genervt hat mich ein kleiner bürokratischer „System glitch“, wie der Officer ihn nannte, der uns einen mehrtägigen Staffellauf abverlangte. Generell fällt aber eines sofort auf: Kanada ist riesig. Mein Maßstab für Entfernungen – und auch Portionsgrößen – ist hier völlig wertlos. Ich muss einen neuen Anhaltspunkt entwickeln.



Die Ankunft und die Stadt Toronto


Wir kamen – bis auf ein paar unten beschriebene bürokratische Umstände – gut in Toronto an und damit im zweitgrößten Land der Welt. Die Stadt selbst ist riesig: etwa 3 Millionen Einwohner in der Kernstadt und insgesamt rund 7 Millionen in der größeren Umgebung. Für mich aus einem 70-Personen-Dorf im Bergischen Land und Maire aus Bochum, das hier schon als „Kleinstadt“ durchgehen würde, ist die Größe und Geschäftigkeit beeindruckend und überfordernd zugleich. Überall hupt, leuchtet und blinkt irgendetwas.

Der CN Tower bei Nacht. Eintritt kostet 42$. Nein Danke
Der CN Tower bei Nacht. Eintritt kostet 42$. Nein Danke

Generell ist es beeindruckend für uns, die noch nie in einer nordamerikanischen Großstadt waren, wie gradlinig und hoch alles ist. Man schaut in eine Straße, fühlt sich klein und weit weg – als hätte die Perspektive beschlossen, heute einfach übertrieben zu sein.

Man sieht auf der Karte, wo man hin will – in unserem Fall in den Distillery District – und denkt: „Der ist ja direkt rechts neben dem Hauptbahnhof.“ Tja. Da schlägt die oben genannte Neukalibrierung des Entfernungsmaßstabes zu. Wir hätten 50 Minuten laufen müssen, bei -10 Grad, und im Prinzip immer nur stumpf nach Osten. Zum Glück funktioniert der öffentliche Nahverkehr hier wirklich gut: Man nimmt seine Kreditkarte und hält sie vor den Scanner – in jedem Bus und jeder Bahn. Um mal Armin Maiwald zu zitieren: „Klingt komisch, ist aber so.“ Eventuell könnte ein großer, ehemals verstaatlichter deutscher Konzern sich hier Inspiration für eigene „unüberwindbare Probleme“ holen. Vor allem kann man zwei Stunden nach dem Einchecken alle Öffis nutzen, ohne erneut bezahlen zu müssen.

Auffällig ist, wie „amerikanisch“ die Essensauswahl ist. Fast-Food-Ketten wie Wendy’s, Tim Hortons, McDonald’s, Burger King und A&W sind an jeder Ecke und Teil der hiesigen Kultur. Bei uns wirken sie eher wie etwas Externes – hier sind sie so normal wie eine pünktliche Straßenbahn.


Der eben erwähnte Distillery District war eine nette Abwechslung zu den Hochhäusern. Er wirkte fast deplatziert: klein, Backstein, eher „früher“ – im Gegensatz zu „hoch und Beton“. Überall reihten sich Brauereien und kleine Läden, deren Inhalte man bei uns meist auf Weihnachtsmärkten findet. Wenn man etwas außerhalb steht und auf den Bezirk schaut, der abends vor Leben nur so überquillt, fällt der Kontrast noch stärker auf: Riesige Hochhäuser, teilweise auf die alten Backsteingebäude draufgesetzt, umschließen – ja, kesseln – den District geradezu ein.

Alles in allem waren es interessante erste Eindrücke, die uns vor allem in Sachen Perspektive und Relation neu justiert haben. Das ganze Land wirkt auf einmal viel weitläufiger, als wir es uns wahrscheinlich beide zu Beginn vorgestellt hatten.

Der Eingan der Distillery-Bezirks. Leider war vieles geschlossen bei zarten -13 Grad.
Der Eingan der Distillery-Bezirks. Leider war vieles geschlossen bei zarten -13 Grad.


Die ersten Eindrücke und Interaktionen mit "den Leuten hier"


Wir wurden ja schon durch Reiseführer und andere Reiseberichte vorgewarnt: Kanadier sollen sich laut diesen oft entschuldigen – auch für Dinge, für die sie nichts können. Das erste, was unsere Gastgeberin zu uns sagte, war, dass sie sich für die Verspätung am Flughafen entschuldige. Später in der Woche bekamen wir eine Entschuldigung für das sehr kalte Wetter.

Ein anderer Punkt ist die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Das Nächste, was wir von eben jener Gastgeberin hörten, war das Angebot, uns direkt mit zum Supermarkt zu nehmen. Sie habe sogar extra auf uns gewartet. Außerdem zeigte sie uns interessante Spots und lud uns zum Abendessen ein – sowie eine Woche später zum Frühstück. Für uns, eher distanzierte Deutsche ohne große Smalltalk-Fähigkeiten, ist das eine Herausforderung, aber eine gern gesehene.

Dazu kommt dieses zwar oft oberflächliche, aber durchgängig freundliche „How are you?“, das an der Kasse, im Bus oder im Restaurant gestellt wird. Zum Glück ist es hier so kalt, dass „das Wetter“ immer als Smalltalk-Rettungsring herhält. Wir schauen gespannt auf die Nettigkeiten, die wir hier erfahren, und freuen uns auf eine andere Perspektive darauf, wie Soziales gelebt werden kann.



Unser bürokratischer Hürdenlauf


Ich dachte, hier ist es einfacher – oder wenigstens unkomplizierter – als in Deutschland. Als wir ankamen, wurden wir direkt mit einem altbekannten Problem konfrontiert: „Das System funktioniert nicht.“

Eigentlich wollten wir nur unser Arbeitsvisum abholen. Der Officer sagte, er könne uns gerne reinlassen, aber der Drucker funktioniere nicht. Also sollten wir am nächsten Tag wiederkommen – oder über die Grenze in die USA fahren, damit es dort erneut ausgestellt werden könne. Nein danke. Wir kommen am nächsten Tag wieder.

20 Stunden sollten ja reichen, damit das System wieder funktioniert, richtig? Falsch. Nun aber der Hinweis von einer netten Beamtin: Wir hätten ja auch online checken können, ob das System wieder läuft. Oder wir sollen die zuständige Ministerin anrufen und uns beschweren, weil „nur so ändert sich was“. Verständlich – aber wir entschieden uns wieder für Option 1.


Also am nächsten Tag wieder zum Flughafen, nachdem das System online wieder „grün“ war. Und tatsächlich: Wir bekamen unser Visum. Einfach so. Unglaublich.

Der Plan war dann: Schritt zwei – Sozialversicherungsnummer mit dem Visum beantragen, damit Schritt drei geht – Bankkonto eröffnen. Dann hätten wir innerhalb von zwei Tagen alles Notwendige für unser Work-and-Travel-Jahr erledigt. Schöner Gedanke. Dabei blieb es nicht.

Im Service Canada wurden wir damit konfrontiert, dass sie unser Visum nicht im System der Behörden abrufen konnten. Ergebnis: keine Sozialversicherungsnummer, kein Bankkonto. Naja – manchmal braucht das System halt 24 Stunden, nachdem man das Visum bekommen hat, bis es „überall“ angekommen ist, oder? Also sind wir am Freitag wieder zu Service Canada.

Spoiler: Ging wieder nicht.

Diese Statuen beim Torontoer Hauptbahnhof haben sich auch gefragt, warum diese beiden Deutschen 4x zum Flughafen wollen.
Diese Statuen beim Torontoer Hauptbahnhof haben sich auch gefragt, warum diese beiden Deutschen 4x zum Flughafen wollen.

Antwort: Wieder zum Flughafen. Dreimal mehr als am Anfang erhofft. Schöner Flughafen. Wirklich.

Antwort vom Beamten: Sorry, das System hat geglitcht. Jetzt sollte es gehen.

Unsere Vermutung nach etwas Recherche: Der Officer, der uns aufgenommen hat, hat vergessen, uns im System als „gelandet“ zu markieren. Damit sind wir auf dem Papier – beziehungsweise im Immigration-System – nie angekommen und können deswegen keine Sozialversicherungsnummer bekommen. Denn diese ist offenbar nur für bodenständige Personen.

 
 
 

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