Vancouver - eine Stadt am (Regen-)Wasser
- aleber20
- 7. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Nach Montreal haben wir uns nochmal sechs Stunden ins Flugzeug gesetzt und sind ganz in den Westen Kanadas geflogen: nach Vancouver. Wir haben Schnee und Eis gegen Regen getauscht. Es ist schon faszinierend, dass man innerhalb eines Landes mal eben 30 Grad Temperaturunterschied mitnimmt: von -20 auf +10.
(Kurze Info, da ich nun öfters gefragt wurde: Ihr könnt gerne eure E-Mailadresse unten auf der Seite eintragen, dann bekommt ihr eine Benachrichtigung, wenn wir [Anm. Maire: Also Alex] einen neuen Eintrag veröffentlichen.)
Stadtgefühl
Sobald wir angekommen sind – voll bepackt und startklar für eine neue Stadt –, haben wir gemerkt, dass wir viel zu dick angezogen waren. Die Winterjacke sorgte jetzt, zusätzlich zum regnerischen Vancouver, für noch mehr Wasser am Körper.
Als wir uns im Hostel dann etwas „schlanker“ angezogen hatten, sind wir bei +10 Grad raus und haben die Stadt erkundet. Wir hatten beide direkt das Gefühl, dass uns die Downtown (oder Innenstadt) sympathischer vorkommt – sofern eine architektonische Konzeption diese emotionale Ebene überhaupt berühren kann.

Als wir uns gefragt haben, woran das liegt, kamen wir auf ein paar Punkte:
Die Hochhäuser werden immer wieder von kleineren Gebäuden unterbrochen oder haben kleinere Vorbauten, die den gleichen Effekt erzeugen: weniger Wand, mehr Struktur.
Zwischen den Hochhäuserwänden ist meist mehr Platz als in Toronto und Montreal. Das wirkt sofort weniger „eingepfercht“.
Immer wieder sieht man kleine, nette Fassaden und Schaufenster von Läden, die nicht alle zu einer riesigen Kette gehören (und im Zweifel nicht gleich nach Nestlé riechen).
Und ja: Das Wetter spielt mit rein. Es macht einen Unterschied, wie man eine Stadt wahrnimmt, wenn man nicht alle zwei Meter checken muss, ob man ausrutscht oder einem die Finger abfrieren.

Wir haben die Zeit außerdem genutzt und endlich ein Bankkonto eröffnet. Es hat geklappt. Einfach so. Ich war perplex, Maire war perplex – und die Dame bei der Bank war perplex über unsere Perplexheit. Im Schach nennt man das wohl einen hat trick.
Wohnungslose
Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich diesen Themenkomplex anschneiden will, weil es schnell verzerrt wird und Propaganda draus wird. Außerdem habe ich – weil mein Masterarbeitsthema auch um Berichterstattung über wohnungslose und substanzgebrauchende Menschen ging – einen relativ hohen Anspruch an mich selbst dabei (Anm Maire: Waaas??). Nichtsdestotrotz gehört ein Absatz dazu, weil es unser Erleben der Stadt geprägt hat.
Die mediale Darstellung war für mich teilweise befremdlich. Es gab Artikel mit Fotos von Menschen, die offensichtlich nicht zugestimmt haben. Auch Fotos von Menschen, die gerade einen Zusammenbruch hatten, wurden abgelichtet und hochgeladen. Das ist „Redefreiheit“ in einer Form, die ich schwer erträglich finde. Da bin ich ehrlich gesagt froh, dass bei uns die Menschenwürde – so schwammig der Begriff auch sein kann – rechtlich höher steht und Redefreiheit dadurch begrenzt.
Politisch scheint es ebenfalls ein Aufhebens um das Thema zu geben. Soweit ich gelesen habe, läuft in British Columbia seit 2023 ein dreijähriges Modellprojekt, in dem bis zu 2,5 g entkriminalisiert wurden. Laut Opposition sei es „schlimmer geworden“ – die Argumente klingen vertraut: Sicherheit, Stadtbild, Gesundheit. Man könnte das so auch 1:1 aus Debatten in Dortmund kennen.
Unser eigenes Erleben: Es fällt auf, dass es viele Menschen gab, die augenscheinlich auf der Straße leben und Substanzen konsumieren. Es kann gut sein, dass sich manche wegen des milderen Klimas nach Vancouver orientieren: Lieber +10 Grad im Regen als -20 im Schnee. Dazu kommen – szenetypisch – Knotenpunkte. Wir haben viele Menschen vor Essensausgaben und sozialen Einrichtungen gesehen; dort war auch offener Konsum zu beobachten. Und auch morgens früh, als wir aus dem Hostel gingen, sahen wir einen jungen Mann, ungefähr in unserem Alter, wie er sich nebenan etwas anzündete, das nach Crackpfeife aussah.
Zu den Beobachtungen nur ein Gedanke: Ich finde es krass (und gleichzeitig leider nicht überraschend), wie viele Menschen auch hier durch Gesundheits- und Sozialsysteme fallen. Kanada ist in vielem anders als Deutschland, aber im kapitalistischen Grundrauschen eben nicht. Für mich ist das nochmal ein Hinweis darauf, dass dieses System solche Problemlagen nicht nur „produziert“, sondern sie dann vor allem bei denjenigen einschlagen lässt, die ohnehin durch ihrere Lebenswelt am risikobehaftesten sind.
Stanley Park
Der Stanley Park ist eine 1888 gegründete urbane Grünfläche im Norden von Vancouvers Downtown, für die damals die dort lebende indigene Bevölkerung umgesiedelt wurde. Er ist riesig und – abgesehen von den Randbereichen mit Hunden, Wegen und Liegewiesen – überraschend naturbelassen. Mitten drin gab es sogar eine Kojotenwarnung. Es blieb allerdings bei der Warnung.
Wir haben uns entschieden, einmal um den Park herumzugehen. Laut meiner Uhr waren das ungefähr 14.000 Schritte, also ca. 9 Kilometer. Finde ich als Deutscher für einen städtischen Park schon beeindruckend.


Der Park war außerdem voll von Eichhörnchen und Streifenhörnchen. Wir haben die Spuren eines fleißigen Bibers gesehen – aber leider keinen Biber. An der Küste konnten wir zweimal die frisch gewaschene Glatze eines Seehundes erspähen. Leider reagierte er allergisch auf die im Handy innewohnende giftige 5G-Strahlung, denn bei jedem Fotoversuch tauchte er ab (Anm Maire: oder allergisch auf Alex?). Er ist den Menschen in Sachen Gesundheit halt einfach voraus. Bestimmt hat er am Grund Heilkristalle gesammelt, um sein Aurafeld wieder zu reinigen (Anm Maire: aber ich darf nicht alle Steine mit nach Hause nehmen). Vielleicht hat er dort unten auch einen Hildegard-Orgonakkumulator.
Teilweise – um mal wieder auf die Beschreibung des Parkes zurückzukommen – wurde es in der Mitte doch recht bergig. Die Hauptstraße führte durch diese Parklandschaft hoch und dann über eine gewaltige Brücke nach North Vancouver.

Ich bin immer wieder erstaunt über die Ausmaße der Brücken hier. Diese war besonders beeindruckend: sowohl in ihrer Größe als auch in der Masse an Fahrzeugen, die dort drüber mussten. Da wird die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid blass vor Neid und ist still in sich zusammengefallen (Anm Maire: zm Glück wurde sie dann ja wieder aufgebaut).

Schön war auch die im Park spürbare Ungezwungenheit. Es gab kleine Strandabschnitte, an denen Menschen Lagerfeuer machten und sich einfach hinsetzten. Wanderer und Hundebesitzer waren durchweg freundlich.

Erwähnenswert ist auch, wie klar das Wasser in und um Vancouver ist – besonders hier im Park. Teilweise konnte man in den Seen einzelne Steine zählen, und selbst am Hafen oder unter Brücken am Meer konnte man den Grund erspähen. Einfach toll.
Granville Island Market

Granville Island ist eine kleine Halbinsel – natürlich unter einer Brücke –, die in einen ständig offenen, meist überdachten Market für frische Lebensmittel, Handwerk und Kunst umfunktioniert wurde. Man kann die Insel über sehr, sehr kleine Fähren erreichen, die einen in fünf Minuten über das Wasser schippern. Wirklich eine nette Art, 4,50 $ zu verlieren.

Wir verbrachten den Tag mit einer Amerikanerin, die wir im Hostel kennengelernt hatten. Sie war für einen Skiurlaub aus Las Vegas hergeflogen. Es war schön, mal ein Gegengewicht zur Sozialarbeiter-Bubble zu haben: Sie war eine offensichtliche Business-Frau, sehr auf Zack, hat gefühlt zehn Sachen gleichzeitig gemanagt (Anm Maire: und überall erstmal nach Samples gefragt) – und hatte dabei eine richtig freundliche Art.

Wir sind gern zusammen durch die verschiedenen Handwerksstände und kleinen Ausstellungen geschlendert.
Besonders bemerkenswert war ein Besenladen, in dem noch echte Strohbesen per Hand gebunden wurden. Es roch großartig: heuig und holzig. Und die Besen wurden live vor Ort hergestellt (Anm Maire: Leider war keiner Flugtüchtig). Nebenan war eine Glasbläserei, in der man in den „Hot Shop“, also den Arbeitsbereich, schauen konnte. Dort wurden gerade Vasen gemacht.

Wir waren auch noch in einer Schokoladenmanufaktur. Der Geruch dort war genial: Kakao mit fruchtigen Aromen, leicht süßlich, aber stellenweise auch fast „waldig“ – schwer zu beschreiben, aber sofort im Kopf gespeichert (Anm Maire: und Alex hat eine Sorte Schokolade probiert, von der er ausging, dass sie ihn nicht schmecken wird, war auch so. Warm macht man das?).
Nach dem Stöbern über den Market konnten wir abends Vancouver bei Nacht von außerhalb betrachten. Mir fällt es immer schwer zu begreifen, dass hinter jedem Licht in einem Apartment wahrscheinlich zwei bis drei Leute wohnen. Diese schiere Anzahl an Menschen übersteigt in solchen Momenten, wenn sie bildlich vor einem liegt, meine Vorstellungskraft.

Dies und das
Wir waren – beziehungsweise ich durfte; Maire musste sich zu dem Zeitpunkt ja die Nadel geben lassen – zum ersten Mal in einem Waschsalon. Irgendwie war das dort auch ein kleiner Community-Treffpunkt für die Nachbarschaft: mit einem Tisch, einer Fernsehecke und sogar Gesellschaftsspielen. Alle kannten sich, und ich wurde direkt von der Besitzerin bemuttert. Sie erklärte mir sehr ausführlich, was ich für meine Wäsche brauchte.
Mal die Bevormundung beiseitegelassen: Ich war wirklich dankbar. Die amerikanischen Bezeichnungen für all die Details hatte ich nicht auf dem Schirm, und ich hätte mich sonst garantiert einmal komplett falsch entschieden – inklusive dieser stillen Verzweiflung, die man nur in Waschsalons spürt.

Vancouver leuchtet nachts außerdem in allen Farben – und das abseits von den stündlich aufkommenden Blaulicht-Sirenen. Die Haupteinkaufsstraßen, aber auch viele Parks, sind oft mit Lichterketten und farbigem Licht beleuchtet. Selbst kleine Grünflächen haben hier irgendwie immer etwas Leuchtendes an sich. Alle Leute – außer Astrofotografen – freuen sich
über diese Art von Lichtverschmutzung.

Kleine, witzige Sachen zum Schluss: Wir haben eine kanadische Interpretation von Kölsch gesehen, eine Ampel, die offensichtlich keinen Bock mehr hatte, und eine kurze Straße, in der ich als „Alexander“ geehrt wurde. Und dann war es auch schon wieder vorbei.







Kommentare