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Motivationsloch, Heimweh und Jobsuche

  • Autorenbild: Alex
    Alex
  • 5. März
  • 6 Min. Lesezeit

Hier mal ein Eintrag anderer Art.

Wir sind jetzt über einen Monat in Kanada, haben einen Van gekauft und steuern gerade auf die Jobsuche zu. Und ja: Es zieht sich. Es ist demotivierend. Das Geld wird knapper, Unterkünfte sind teurer als erwartet, und man kann nicht wirklich „einfach weg“, weil man für Bewerbungsinterviews erreichbar und halbwegs vor Ort sein muss. On top kommt dann eine Welle Heimweh – und die unangenehme Realisierung: Was machen wir hier eigentlich?

Über dieses Konglomerat an Gefühlen und Situationen möchte ich in diesem Artikel schreiben. Deswegen wird er nicht so sarkastisch und locker wie die anderen. Ich bin ziemlich sicher, dass das eine Ausnahme bleibt.



Was macht man eigentlich hier?


Vor allem mich hat in dieser Zeit immer wieder der Gedanke beschäftigt: Was macht man als 30-Jähriger mit Masterabschluss eigentlich hier? Sollte man nicht mehrheitsgesellschaftlich „normalere“ Prioritäten setzen und eine Karriere starten oder verfestigen? Stattdessen kocht man Nudeln im Hostel oder klappert Schwimmbäder ab, damit man nach vier Tagen im Van endlich duschen kann.

Dass man dabei die schönste Natur quasi vor der Nase hat und die Freiheit, in den Tag hinein zu leben, habe ich in diesen Momenten nicht als Geschenk wahrgenommen.

Schon auf der Straße überrascht einen der Himmel mit schönen Farben. Leuchtende Sonnenuntergänge sind hier Vancouver-Island wirklich oft. (Anm. Maire: irgendwie random an dieser Stelle, aber okay?)
Schon auf der Straße überrascht einen der Himmel mit schönen Farben. Leuchtende Sonnenuntergänge sind hier Vancouver-Island wirklich oft. (Anm. Maire: irgendwie random an dieser Stelle, aber okay?)

Eher als Einschüchterung. Kaum Orientierung. Keine Sicherheit, einen Job zu bekommen. Keine Sicherheit, wo man in ein paar Tagen schläft. Und das alles, obwohl ich wusste, worauf wir uns einlassen – und obwohl ich sowas schon mal ein Jahr lang gemacht habe.

Trotzdem hat es in diesen ein bis zwei Wochen immer wieder auf mich eingetrommelt.

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl: schleichend, vorhersehbar, und dann trotzdem plötzlich da. Vor allem die Tage im Van waren schwierig, weil es gleichzeitig sehr kalt wurde und man für simple Dinge wie Frühstücken und Duschen ewig brauchte. Deshalb haben wir entschieden, erst mal in ein Hostel zu gehen und in Victoria nach Jobs zu suchen. Das war ein bisschen besser – aber es hat einen Moment gedauert, bis wir uns wieder aufraffen konnten, spezialisierte Bewerbungen, allgemeine Bewerbungen und Lebensläufe zu schreiben und auszudrucken. Dazu kam: Das Hostel war nicht besonders gemütlich, also saßen wir zum Bewerben meistens in Cafés.



Motivationsloch und schwierige Tage

So wie Hörnchen Klara fühlte ich mich an machen Tagen in dieser Zeit :D
So wie Hörnchen Klara fühlte ich mich an machen Tagen in dieser Zeit :D

Es ist irgendwie merkwürdig. Man reist in ein anderes Land, baut Euphorie vor der Reise auf, organisiert viel, hat diesen Plan, den man Stück für Stück umsetzt – und dann prasseln Eindrücke, Reize und Gedanken auf einen ein. Und irgendwann ebbt das einfach ab.

Man hat das Visum, man hat einen Plan, man hat einen Campervan, und theoretisch könnte man jetzt einfach monatelang weiterreisen. Aber genau dann kommen diese Gedanken von oben: Man vermisst seinen Alltag, seine Wohnung, Freunde, Familie – und die Katze. Es ist nicht so, dass diese Dinge weg sind. Wir bekommen das ja alles wieder. Aber in der Zeit, in der persönlicher Austausch hilfreich wäre, ist man auf der anderen Seite des Planeten und muss klarkommen. Klar: selbstgewählt, jederzeit abbrechbar – aber es gehört trotzdem dazu. Und man muss es selbst überwinden.

Bei mir kam noch dazu, dass in dieser Zeit ein Freund von mir verstorben ist. Das hat mich immer wieder eingeholt, beschäftigt mich bis heute und wird vermutlich noch eine Weile präsent bleiben.

Das Gemeine ist: Man weiß ja eigentlich, was helfen würde. Rausgehen. Erleben. Bewerben. Selbstwirksamkeit spüren. Positive Eindrücke sammeln. Und trotzdem blieben zwei, drei Tage im Zimmer oder zielloses Herumwandern und Sitzen im Café nicht aus. Man fühlt sich festgefahren.



Wandern und in die Naturgehen war wirklich eine Hilfe und es füllt den ansonsten so Bildarmen Blogeintrag für euch. Win-Win
Wandern und in die Naturgehen war wirklich eine Hilfe und es füllt den ansonsten so Bildarmen Blogeintrag für euch. Win-Win


Wie unten beschrieben, hat dann die Jobsuche geholfen – aber auch das Planen und Durchführen von ein paar Wanderungen rund um Victoria. Zweimal waren wir auch in einem Brettspielcafé und haben einfach die Zeit genossen. Nach und nach konnte ich die Strukturlosigkeit und Planlosigkeit wieder als entschleunigend und beruhigend wahrnehmen.

Und noch etwas: Weil man sich nicht mehr von einem stressigen Job erholen musste – was ich früher leider oft mit einer schnellen Dopamin-Dusche von YouTube oder Ähnlichem „gelöst“ habe – merkte ich, wie die Aufmerksamkeitsspanne für Filme, längere Videos oder Bücher langsam zurückkam.

Auch das Blogschreiben half. Obwohl ich für den letzten Eintrag mehrere Anläufe gebraucht habe und er eine Woche lang rumlag, war es am Ende doch hilfreich, alles nochmal aufzuschreiben. So wie das hier jetzt auch.


Auch geholfen und sehr beeindruckend war dieses Imprivisations-Theaterstück, was wir spontan mitnahmen. Wirklich witzig und beeindruckend, was die Künstler dort innerhalb von Sekunden sich ausgedacht und umgesetzt haben
Auch geholfen und sehr beeindruckend war dieses Imprivisations-Theaterstück, was wir spontan mitnahmen. Wirklich witzig und beeindruckend, was die Künstler dort innerhalb von Sekunden sich ausgedacht und umgesetzt haben


Jobsuche


Die Jobsuche war schwieriger als erwartet. Kanada hat aktuell eine Arbeitslosenquote von etwa 6–7 %, und gerade bei Mindestlohnjobs – auf die wir uns mit dem Visum realistisch bewerben können – merkt man die Konkurrenz. Dazu kommt, dass die Preise für Unterkunft und Lebensmittel stark gestiegen sind, vor allem die Unterkunftskosten. Selbst Campingplätze sind wegen des Hypes teilweise absurd teuer: 95 $ pro Nacht sind keine Seltenheit (umgerechnet etwa 60 €).

Wir haben aber für den Moment eine Unterkunft gefunden, die einen reduzierten Preis anbietet, wenn man länger bleibt. Parallel schauen wir nach einem Homestay, also bei Privatpersonen unterkommen und dort gegen Kost und Logis mitarbeiten, um weiter Kosten zu sparen.


Aber zurück zur Suche: Sobald wir die ersten Versuche gestartet haben, kam auch die Motivation langsam wieder. Vor allem die Art vieler Kanadier hat uns dabei geholfen: Es wurde freundlich nachgefragt, was wir schon gemacht haben, und man merkte oft eine offene, unkomplizierte Haltung. Das hat – zumindest bei mir – dafür gesorgt, dass ich wieder aufatmen konnte. Plötzlich war da wieder ein bisschen Spaß an dem Prozess, an den neuen Eindrücken, und auch dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit kam zurück.

Wir haben uns bei allen möglichen Stellen beworben. Meistens sind wir einfach in Läden rein, die uns gefallen haben oder die ein „We are hiring“-Schild draußen hatten. Davor musste man natürlich seinen Lebenslauf – oder hier: Résumé – anpassen. Das ist hier nicht nur eine Auflistung von Stationen: Man schreibt eine kurze Zusammenfassung, welche Fähigkeiten man mitbringt, listet Skills auf und führt die letzten Jobs mit Unterpunkten zu Aufgaben und Leistungen aus. Foto, Alter, Konfession und teils auch genaue Angaben zum Wohnort haben wir weggelassen, weil das hier aus Diskriminierungsgründen nicht erwartet wird.

Wir haben das Résumé wirklich überall abgegeben – sogar einmal bei McDonald’s. Nicht, weil wir beide da unbedingt arbeiten wollen würden, sondern fürs Gefühl. Die haben sich bis heute nicht gemeldet. Baumarkt war dabei, Cafés, Touristenshops, Restaurants, Supermärkte und so weiter. Ich habe es auch bei einem sozialen Job versucht, aber da fehlen mir die passenden beziehungsweise anerkannten Zertifikate.


Stand jetzt, während ich das hier schreibe (02.03.26), habe ich tatsächlich einen Job bekommen – und Maire hatte schon zwei Bewerbungsgespräche. Ich kann bald in einem Brettspielcafé als Bedienung und Spielberater anfangen und freue mich drauf.

Witzig (oder komisch) war: Als ich reingegangen bin, wurde mir zuerst gesagt, dass sie niemanden suchen. Ich habe meine Bewerbung trotzdem per Mail eingereicht – und ein paar Stunden später wurde ich zum Gespräch am nächsten Tag eingeladen. Am Abend davon war ich angestellt. Ich weiß bis heute nicht, was da los war (Anm. Maire: du wolltest ja beim Bewerbungsgespräch nicht nachfragen).


Kleiner Sidetrack: Weil das Brettspielcafé auch Alkohol ausschenkt, muss ich hier in British Columbia ein Ausschankzertifikat machen: Serving It Right (SIR). Ich habe mich durch vier Stunden Material gewühlt, inklusive der Erkenntnis, dass man im Zweifel mitverantwortlich sein kann, wenn ein stark alkoholisierter Gast später jemanden verletzt – und dass man dafür sorgen muss, dass die Person sicher nach Hause kommt. Außerdem: Trinken ab 19, Ausweise checken, Standard Drinks und was eine Leber pro Stunde so ungefähr verarbeiten kann. Dann habe ich 35 $ gezahlt und bin jetzt offiziell „fähig“, angestellt zu werden.


Alles in allem war das keine besonders tolle Zeit. Aber ich wollte das hier mal transparent aufschreiben, weil es dazugehört. Und weil es hilft, das zu verarbeiten – und etwas zu tun zu haben. Die Zeit ist noch nicht ganz vorbei, aber ich freue mich auf das, was kommt: auf das Leben hier in Victoria, auf das Kennenlernen und Aufbauen von stabileren Kontakten, und auf das Arbeiten in einem komplett neuen Job. Und natürlich auf neue Erlebnisse, aufs Wandern in dieser unglaublich schönen Natur – und darauf zu merken, wie sicher und unterstützend die Partnerschaft mit Maire in den letzten Jahren geworden ist. Dass sie einem durch solche Zeiten Halt gibt.

Danke dir dafür, Maire.

 
 
 

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