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Die Niagarafälle im Winter

Aufgrund der Nähe zu Toronto (zwei Stunden mit dem Bus) entschieden wir uns, diesen Punkt auf unserer – und seien wir mal ehrlich: auf fast jeder touristischen Top-10-Liste – abzuhaken. Es war eine wirklich schöne und faszinierende Erfahrung, so viel Wasser, Eis, Wind und Kommerz auf einem Fleck zu sehen – und vor allem dabei zuzuschauen, wie das alles miteinander interagiert.


Der "Ich habe in Dortmund, Witten und Sprockhövel gearbeitet" kannadische Reiseführer.


Da reist man 6.300 km von Bochum nach Toronto, steigt in den Kleinbus zu den Niagarafällen, nuschelt morgens um 8 Uhr ein „near Cologne“ auf die Frage des Reiseführers, wo man denn aus Deutschland komme – nur um dann ein fröhliches „Guten Tag, ich habe in Leverkusen gearbeitet und in Dortmund gelebt“ zurückzubekommen. Dicht gefolgt von: Bochum, Witten, Sprockhövel. Sprockhövel! Hier, 8 1/2 Flugstunden entfernt, in einer Drei-Millionen-Stadt. Das war wirklich die letzte Ortsreferenz, auf die ich gekommen wäre.

Jedenfalls führte unser freundlicher Reiseführer uns gut durch den Großstadt-Dschungel Richtung Niagara und später auch wieder zurück – durch Schneesturm und heftige Winde. Es war irritierend für mich, das möchte ich nicht leugnen, so nah an die US-amerikanische Grenze zu kommen. Früher wäre ich wahrscheinlich einfach rübergegangen und hätte New York, Hawaii und den Grand Canyon sehen wollen. Heute verunsichert mich schon die bloße Nähe zu den USA körperlich, so sehr, dass ich leichte Gänsehaut bekomme. Wir verlassen netterweise den Highway an der letzten Möglichkeit vor der Grenze. Glück gehabt.



Die Fälle


Da wir am 22.01. zu den Fällen fuhren, lagen links und rechts etwa 30–40 cm Schnee. Auch auf dem Fluss, der von den Fällen wegfließt, lag viel Eis und Schnee: Wir fuhren rechts an der Klippe entlang, stromaufwärts, und teilweise war der Fluss sogar komplett zugefroren.

Der American Fall
Der American Fall

Dann kamen die Wasserfälle immer näher: erst die American Falls, dann die Bridal Veil Falls, die wir bei dem Wetter leider nicht richtig sehen konnten, und zum Schluss der bekannteste: der Horseshoe Fall auf der kanadischen Seite.

Es ist schon beeindruckend, welche Wassermassen diesen Ort passieren – selbst wenn er, wie bei uns, fast zur Hälfte zugefroren war. Das ständige Rauschen und die Gischt sind omnipräsent. Interessant war auch, zu sehen, wie sich an den Rändern der fallenden Wassermassen Eiszapfen bilden, die regelrecht bibbern, als müssten sie sich festkrallen, um nicht weggespült zu werden.

Der Horseshoe Fall auf der kanadischen Seite
Der Horseshoe Fall auf der kanadischen Seite

Wir waren zusätzlich noch oben auf dem Aussichtsturm, in den Tunneln unten und sogar hinter den Fällen. Vom Turm aus hatten wir einen fabelhaften Blick auf die Fälle – und auf die USA auf der anderen Seite. Es war eisig kalt und so windig, dass Maire und ich uns kurz fühlten, als würden wir gleich abheben. Zum Glück gab es ein Gitter. Von dort oben wurde auch nochmal deutlich, wie stark vor allem die American Falls zugefroren waren: Große und kleine Eisblasen und Schollen hatten sich rund um die Wasserfälle gebildet. Und man konnte sehen, wie viele kapitalistische Einrichtungen und Institutionen sich um dieses Naturphänomen scharen – aber dazu gleich mehr.

Unten war es am spannendsten. Wir hatten einen tollen Blick auf den Horseshoe Fall, der tatsächlich wie ein Hufeisen geformt ist. Durch Tunnel im Felsen konnten wir sogar hinter die Fälle. Witzigerweise war die Rückseite – wenn man so will – teilweise zugefroren, was den Nebeneffekt von Stille hatte: Normalerweise sind die Tunnel wohl gefüllt vom Tosen des Wassers. Bei uns war es stellenweise fast mucksmäuschenstill.

Eigentlich sollte es hier ohrenbetäubend sein und mann hätte die Wasserfälle von hinten sehen können. Diesmal gab es stattdessen eine Eisskulptur und Stille
Eigentlich sollte es hier ohrenbetäubend sein und mann hätte die Wasserfälle von hinten sehen können. Diesmal gab es stattdessen eine Eisskulptur und Stille

Der Kommerz


Da die Niagarafälle eine der Touristenattraktionen sind und über viele Ländergrenzen hinaus bekannt, verwundert es eigentlich nicht, dass dieser Ort von vorne bis hinten durchkapitalisiert wurde. Mich verwundert nur das Wie.

Ich habe mit vielen Attraktionen rund ums fallende Wasser gerechnet – und die gab es zweifelsfrei: Bootstouren, Ziplining, Greenscreen-Fotos, Restaurants mit Blick auf die Fälle und so weiter. Was für meine deutschen Augen jedoch ungewöhnlich war: dass ein ganzer Themenpark drumherum gebaut wurde. Spielhäuser für Kinder, Casinos für Erwachsene, Arcadehallen für beide,






Riesenräder und blinkende Lichter.

Wir wollten im Aussichtsturm auf Toilette gehen, folgten den Schildern und fanden uns in einer hell beleuchteten Arcadehalle wieder – komplett leer. Zwei Minuten später standen wir wieder vor dem Naturphänomen der Niagarafälle. Um es mit Albert Camus zu sagen: Das fühlte sich absurd an.

Absurd finde ich auch den Gedanken, dass der Wasserfall jeden Tag ein Stück von dem Gestein abträgt, über das er hinabstürzt – und dass er dadurch über Jahrzehnte flussaufwärts „wandert“. Zum Glück passiert das nicht zu schnell. Sonst müsste das kommerzielle Dorf jedes Jahr mitwandern. Wer sollte denn nur all diese Kosten zahlen?

 
 
 

1 Kommentar


channel9
channel9
25. Jan.

Ein bisschen friere ich mit beim Lesen und Bildergucken 🥶

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