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Meer Berg Schlucht


Diesmal mit einem Bild starten. Der Abwechslung wegen
Diesmal mit einem Bild starten. Der Abwechslung wegen


Nachdem wir einen Tag im Hostel verbracht haben und uns um Lebenslauf, Anschreiben und Bewerbungen kümmern mussten – gähn – brauchten wir ein Ventil. Dieser Prozess ist für mich jedes Mal nervig, und damit ich keinen Frust-Fressanfall bekomme, haben wir das nächstbeste genommen: Frust kaufen. Naja, fast.

Wir haben uns für die nächsten beiden Tage ein kleines Auto gemietet, was wirklich bezahlbar war, und sind nach Squamish gefahren – auf einen Berggipfel – und außerdem in den Lynn Canyon. Also einmal Meer, Gipfel und Schlucht in zwei Tagen durch. Wer hatte diese drei Dinge auf seiner Bingo-Karte?


Erste Fahrerfahrung in Kanada


Vieles ist erstaunlich ähnlich wie in Deutschland, aber ein paar Gewöhnungspunkte gibt es schon. Der größte: Die Ampeln stehen hier oft hinter der Kreuzung, und man selbst muss an der Haltelinie davor stoppen. Das geht schnell in Fleisch und Bremse über, kann aber in der Großstadt – mit vielen Lichtern und Spuren – ziemlich viel Aufmerksamkeit abverlangen.

Die Geschwindigkeit ist zum Glück in km/h angegeben. In der Stadt sind meist 50 erlaubt. Auf dem Highway/Freeway dagegen je nach Strecke irgendwas zwischen 80 und 120. Wir haben es in den ersten beiden Tagen geschafft, nicht geblitzt zu werden. Angeblich soll das hier sehr, sehr teuer sein. Also Obacht – vor allem an mich selbst.


Maire tapfer im Großstadtjungel
Maire tapfer im Großstadtjungel

Manchmal kann es auch vorkommen, dass der naive Deutsche vor einer Ampel steht, die grün blinkt. Das bedeutet: Wir haben Vorfahrt, aber es könnten trotzdem Autos aus den anderen Richtungen kommen – man muss also aufmerksam bleiben und nicht einfach ins Grün hineinglauben.

Und dann gibt es hier noch etwas, das in NRW vor ein paar Jahren gefühlt kollektiv Chaos gestiftet hat: Rechtsabbiegen bei Rot. Das ist hier (je nach Beschilderung) oft erlaubt. Man darf also bei einer roten Ampel rechts abbiegen, ohne Strafe zu erwarten – außer man überfährt dabei einen Menschen oder einen Bären (Anm. Maire: Hunde wären okay?). Beides wäre eher unpraktisch.

Ansonsten sind die meisten Autofahrenden hier recht umgänglich. Es gibt wenig Gedrängel, und Fußgänger haben – nicht auf dem Highway, aber sonst gefühlt überall – Vorrang. Die Kanadier springen einem deshalb manchmal mit einer Selbstverständlichkeit vors Auto, von der Deutsche sonst nur beim Linksüberholen träumen.


Solche Schilder sieht man in Deutschlan eher nicht. Bären waren aber hier noch im Winterschlaf
Solche Schilder sieht man in Deutschlan eher nicht. Bären waren aber hier noch im Winterschlaf


Apropos: Hier ist Rechtsüberholen erlaubt und auch üblich. Es ist also völlig normal, wenn man links mit der maximal erlaubten Geschwindigkeit entspannt vor sich hin fährt – und rechts zieht einen eine alte Oma im Ford seelenruhig vorbei (Anm. Maire: schon komisch, wenn man nicht mehr zurück auf die rechte spur gelassen wird, weil dort alle überholen).


Squamish


Für unser erstes Ziel am Sonntag, den 08.02., haben wir uns die Kleinstadt Squamish ausgesucht, ungefähr eine Stunde nördlich von Vancouver. Wirklich eine schöne Stadt: von Bergen eingerahmt und gleichzeitig direkt am Meer gelegen.

Wenn man die Küste entlangfährt, hat man auf der einen Seite das Meer, auf der anderen eine Felswand, die sich in Richtung Berge hochzieht – und dazwischen sprudeln einem überall Wasserfälle entgegen. Ein besonders großer war der Shannon Falls. Riesig. Viel Wasser, viel Fall. Menschen kamen teilweise nass zurück vom Anschauen, weil die Gischt so heftig war. Vor allem Maires Wasserfall-Herz sprang deutlich höher.


Die Shannon-Falls im Hintergrund mit anschließendem Shannonfluss im Vordergrund
Die Shannon-Falls im Hintergrund mit anschließendem Shannonfluss im Vordergrund
Hier hüpft Maires Herz.
Hier hüpft Maires Herz.

Später am Tag – um mal achronologisch vorzugreifen – ging es in die Stadt Squamish. Eigentlich nur, um schnell etwas zu essen, aber ein paar Impressionen möchte ich hier lassen.

Squamish ist eine schmuckige kleine Stadt mit klar erkennbarem Tourismusfokus. Es gibt viele kleine Läden mit Schmuck, Spielen, Büchern und Zeugs halt. Und vor allem: Viele davon wirken wie echte, kleine Geschäfte und nicht wie die hundertste Filiale derselben Kette. Klar, ein McDonald’s steht auch hier rum, aber in der Kernstadt waren erfrischend viele „self-owned“ Shops.




Wäre ich vor zehn Jahren allein hier gestrandet, hätte ich vermutlich versucht, mir genau hier irgendeinen Job zu angeln. Der Ort ruft bei mir dieselben Gefühle hervor wie dieses Dorf in Neuseeland, in dem ich damals hängen geblieben bin.


Gipfel und Natur


Als wir unbedarft den Highway entlangfuhren, sahen wir aus dem Augenwinkel, dass eine Gondel hoch zum Gipfel fährt. Das war nicht geplant, aber das Jahr soll ja bewusst unter dem Stern der Spontanität stehen. Also haben wir mit den Worten „Warum eigentlich nicht?“ gewendet und sind los (Anm. Maire: "Wir" wollten dahin).



Die Gondelfahrt war – neben dem unverschämten Preis von 78 $ – wirklich schön. Nicht nur wegen des Ausblicks, sondern auch sozial. Maire hat sich hier abermals der Höhe gestellt und gewonnen. Diesmal war noch ein weiteres Paar mit uns in der Gondel, und die Frau dort überwand ebenfalls ihre Angst. Man merkte richtig, wie sehr es sie entspannte, dass Maire auch mit der Höhe zu kämpfen hatte. Rückblickend war das eine wirklich schöne, stärkende kleine Konversation – und eine Erinnerung, die hängen bleibt. Beide haben es schließlich geschafft und wurden mit einer grandiosen Aussicht belohnt.



Oben gab es eine hingezimmerte Aussichtsplattform und daneben einen kleinen Loop, um mehrere Aussichtspunkte rund um den Gipfel abzuklappern. Diese beiden Punkte wurden – man könnte es ahnen – von einer Hängebrücke verbunden. Und nein: Das wird nicht die letzte Hängebrücke in diesem Blogeintrag bleiben.

Sie war nicht so groß wie die in Capilano, aber sie hatte eine Fallhöhe, die die Capilano-Brücke nicht hat: vom Gipfel bis runter auf Meeresspiegel.



Wir sind zur Mittagssonne hochgegondelt, und das Licht fiel genau richtig: vorne aufs Meer und frontal auf die Bergspitzen, die weiß vom Schnee glitzerten. Es war wirklich malerisch. Die Luft war frisch, ein angenehmer Wind ging herum – und zog einem direkt durch die Nebenhöhlen, wie eine kostenlose Durchlüftung (Anm. Maire: was enín Vergleich).


Wir haben oben auch noch einen etwa einstündigen Wanderweg gemacht. Dabei konnten wir einen Raben beim Essenssuchen beobachten (Anm. Maire: das war sehr viel spannender als die Hängebrücke) – verdammt, sind die groß, wenn die direkt neben einem landen – und die Berglandschaft aus verschiedenen Perspektiven bewundern.


Und natürlich haben wir versucht, oben gute Polaroids zu schießen. Eher: Ich habe versucht, während Maire fleißig Troubleshooting betrieben hat. Es ist kein Vergleich zu den Bildern, die das iPhone ausspuckt – aber die über- oder unterbelichteten Polaroids fühlen sich irgendwie mehr danach an, als hätte man selbst etwas beigetragen. Etwas, das durch einen selbst besser werden kann. Viele Fallstricke, in die man läuft, um sie beim nächsten Mal zu meiden – und dann in neue zu laufen (Anm. Maire: oder doch in die Selben, weil man sich die Einstellungen nicht gemerkt hat).

Nachdem ich dann noch zwei Frauen versucht habe zu erklären, wie sie netterweise ein Polaroid von uns machen können: Es war eine ungefähr siebenminütige Erklärung, und die Verwirrung war mit auf dem Gipfel. Es hat so… na ja, geklappt. Aber genau diese Situation ist jetzt mit diesem unterbelichteten Foto verbunden.


Lynn Canyon


(Anm. Maire: ja ich stehe hier schon wieder auf einer Hängebrücke und bin sogar mehrmals drüber gegangen)
(Anm. Maire: ja ich stehe hier schon wieder auf einer Hängebrücke und bin sogar mehrmals drüber gegangen)

Wir hatten noch einen Tag mit dem gemieteten Auto übrig. Also sind wir am nächsten Morgen einfach wieder losgefahren – erst mal zum Parkplatz beim Waschsalon, damit wir die dreckige Wäsche nicht wieder 25 Minuten zu Fuß durch die Gegend schleppen mussten. Work smart, not hard.


Von dort ging es dann in den Lynn Canyon, nach vorheriger Absprache mit einem weiteren deutschen Reisenden aus dem Hostel.

Witzigerweise hat uns im Waschsalon ein Kanadier angesprochen, der anhand unserer Unterhaltung erraten wollte, wo wir herkommen. Er hat es nicht geschafft. Dafür hat er uns – bei dem Regenwetter an diesem Tag – empfohlen, in den Wald zu fahren. Als wir sagten, wir wollten in den Lynn Canyon, meinte er: Er wohne direkt daneben. Warum er dann 25 Minuten in einen Waschsalon in der Innenstadt fährt, weiß ich nicht. Aber er hat uns ein paar Spots genannt, die wir besuchen sollten – und wir haben brav alles befolgt (Anm. Maire: ich habe mir größte Mühe gegeben mir die Richtungsanweisungen zu merken). Es hat sich gelohnt.



Der Lynn Canyon war bei Regen wirklich schön. Klar: Es war nass und rutschig. Aber die Atmosphäre war einmalig. Überall hing Nebel, es tropfte und klackerte aus allen Richtungen, und man bewegte sich ständig im Rhythmus des Wassers: Mal kam man dem Rauschen des Flusses näher, der immer mehr Zulauf bekam, mal wurde es um ihn herum plötzlich stiller – als würde der Wald kurz den Atem anhalten. Es ist schon gewaltig, welche Wassermassen durch so einen Canyon fließen, vor allem wenn man direkt daneben steht und merkt, wie klein man eigentlich ist, sobald Natur nicht nur „schön“ sein will, sondern einfach macht, was sie macht. Und in der Realität war es dann weniger dramatisch, als es klingt: Wir waren gar nicht so nass – gute Kleidung macht einen Unterschied. Danach gab’s zur Belohnung Kaffee und Gnocchi.



 
 
 

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